Gedenkort des Versagens oder der Versöhnung?

Dieser Frage ging die Initiative „Christen brauchen keine Garnisonkirche“ auf einer Tagung nach – und gab Einblick in ihre Motivationslage

Von Tilman Asmus Fischer

Beim Thema Garnisonkirche Potsdam scheiden sich die Geister. Dass in einer solchen – bisweilen verbittert geführten – geschichtspolitischen Debatte auch überlegte Töne und Positionierungen möglich sind, hat die Initiative „Christen brauchen keine Garnisonkirche“ am Reformationstag deutlich gemacht.

Ihre gemeinsam mit der Martin-Niemöller-Stiftung durchgeführte Tagung „Die Garnisonkirche Potsdam: Gedenkort des Versagens – ein Ort der Versöhnung?“ postulierte zwar – schon im Titel – ein klares Nein. Aber: Auch mögliche Befürworter unter den etwa 70 Teilnehmenden im Gemeindehaus der Evangelischen Kirchengemeinde Alt-Pankow konnten wichtige Überlegungen mitnehmen.

Dies lag vor allem am ersten Panel: „Die Garnisonkirche im 20. Jahrhundert. Die historischen Fakten“. In diesem Teil gelang es der Initiative, historische Lasten aufzuzeigen, die sich mit der Garnisonkirche verbinden – über den „Tag von Potsdam“ hinaus, dessen Hintergründe der Historiker Manfred Gailus beleuchtete. Bereits zur Kaiserzeit und im Ersten Weltkrieg wurden von den Theologen an der Garnisonkirche ultranationalistische und militaristische Inhalte vertreten; dies verdeutlichte ein Vortrag des Historikers Reiner Zilkenat. Mit dem Schicksal der Garnisonkirche in der Nachkriegszeit befasste sich der Journalist Matthias Grünzig.

Der zweite Vortragsblock ging der Frage nach: „‘Wiederherstellung der Garnisonkirche’ – Welches Zeichen setzt diese Kirche?“ Unter den Vorträgen war derjenige des ehemaligen Erfurter Propstes Heino Falcke der zielführendste: In einer scharfen Analyse wies er auf die Schwierigkeiten hin, die sich mit der Schaffung eines Versöhnungs- und Friedenszentrums gerade in einer neuen Garnisonkirche verbinden. Dabei klang deutlich eine allgemeine Verbitterung über den gegenwärtigen friedensethischen und militärseelsorgerlichen Kurs der EKD an. Dieser Kurs steht mit einer Verantwortungsethik, die militärisches Eingreifen im Extremfall nicht ausschließt, im Kontrast zur DDR-Friedensbewegung.

„Wir brauchen ein Konzept des politischen Pazifismus“, lautete Falckes entsprechende Forderung. Demgegenüber setze die Garnisonkirche ein falsches Zeichen. Zwei Vorträge der Theologieprofessoren Andreas Pangritz und Martin Stöhr beleuchteten ausgehend von der Barmer Theologischen Erklärung und dem Darmstädter Wort Ambivalenzen in der Geschichte der Bekennenden Kirche und ihrer Stellung zum Antisemitismus – und damit den größeren Hintergrund eines verantwortlichen Erinnerns.

Hinter den anderen Beiträgen stand der – freilich wortgewaltige – Vortrag des Erziehungswissenschaftlers Klaus Ahlheim zurück. Er verortete die Motivationen des Aufbaus der Garnisonkirche im Umfeld eines Mentalitätswandels, der Deutschlands globale und militärische Verantwortung ebenso wie nationale Interessen in fragwürdiger Weise betone. In der Diskussion wurde kritisch die Verwendung des Begriffs „Kriegsbefürworter“ für Bundespräsident und Regierungsmitglieder hinterfragt. Zudem stellt sich dem kritischen Beobachter die Frage, ob die hier gezogenen Verbindungslinien zu einem unterstellten neuen Nationalismus und Militarismus nicht etwas zu idealtypisch sind für eine Analyse der – meist komplexeren – Realität.

Insbesondere die letzten Vorträge legen nahe, dass für die Unterstützer der „Christen brauchen keine Garnisonkirche“ eine allgemeine Unzufriedenheit mit gegenwärtigen Entwicklungen in Gesellschaft, Politik und Kirche ihre Versinnbildlichung in der Garnisonkirche findet. Insofern wird sich in künftigen Debatten zeigen müssen, inwiefern die Bedenken der Gegner der Garnisonkirche Plausibilität für die Befürworter gewinnen kann, die dieses Unbehagen nicht teilen.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 45/2015.

Weitere Informationen unter: http://www.christen-brauchenkeine-garnisonkirche.de

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