Familien fanden sich wieder

Nach 70 Jahren stellte der Kirchliche Suchdienst seine Arbeit ein. Rund 18 Millionen Anfragen bearbeitete er

Von Tilman Asmus Fischer

Er dürfte eines der erfolgreichsten ökumenischen Projekte der Nachkriegszeit sein: Der Kirchliche Suchdienst. Nach 70 Jahren Tätigkeit hat die gemeinsame Einrichtung von Caritas und Diakonie am 30. September ihre Arbeit eingestellt. Millionen Deutsche waren 1945 vor der Roten Armee aus dem Osten geflohen. Viele waren bereits vor Kriegsende bei illegalen „schwarzen Vertreibungen“ aus den damaligen deutschen Ostgebieten, Ost- und Südosteuropa vertrieben worden oder wurden nach Kapitulation und Potsdamer Konferenz vertrieben.

Zivile Flüchtlinge während der Kämpfe um Heilbronn im April 1945 (Foto: Irving Leibowitz)
Zivile Flüchtlinge während der Kämpfe um Heilbronn im April 1945
(Foto: Irving Leibowitz)

Im Chaos dieser Monate wurden Familien auseinandergerissen, Angehörige starben ohne Kenntnis ihrer Familie, Kinder wurden zu Waisen, Väter kehrten aus der Kriegsgefangenschaft zurück, nicht wissend, wohin es die Familie verschlagen hatte. Hier galt es, Abhilfe zu schaffen: Das hieß, zu erfassen, wer vor dem Krieg wo gelebt hatte und wo jemand nach dem Krieg ansässig geworden war. Diese Aufgabe übernahmen – ab 1950 vom Bundesinnenministerium finanziert – die beiden großen Kirchen in der Bundesrepublik. Es entstanden die sogenannten „Heimatortskarteien“, die sich heute im Bayreuther Lastenausgleichsarchiv befinden. Ihr aktueller Umfang: 5.000 Regalmeter.

Würde man diese Aktenbestände hintereinander reihen und ablaufen, entspräche dies einem Spaziergang entlang der Straße des 17. Juni und „Unter den Linden“ in Berlin. „Auf circa 22 Millionen Karteikarten sind – mit den wichtigsten persönlichen Daten – der Personenstand in den Heimatgebieten vor der Vertreibung sowie das individuelle Vertreibungsschicksal der Betroffenen weitgehend vollständig belegt“, so die offiziellen Informationen des Bundesarchives, zu dem das Lastenausgleichsarchiv gehört. Neben der Familienzusammenführung leistete der Suchdienst als Auskunftsstelle Hilfe bei einer Vielzahl praktischer Fragen: von Ansprüchen auf Staatsbürgerschaft oder Rente bis zur Suche nach Geburts- oder Sterbeurkunden. Zuletzt gehörten auch Erbenermittler zum Kreis derer, die Anfragen an den Suchdienst stellten. Von etwa 18 Millionen Anfragen seit seiner Gründung konnte der Kirchliche Suchdienst bis zu 65 Prozent klären, so sein kommissarischer Geschäftsführer Paul Hansel gegenüber dem Evangelischen Pressedienst. Zuletzt gab es jährlich noch an die 8.000 Anfragen. Diese lasteten die fast 50 Mitarbeiter in den Niederlassungen Passau, Stuttgart und München freilich nicht mehr aus.

In seiner Geschichte ist es dem Suchdienst nicht nur gelungen, umfänglich Daten über das Ausmaß und die Auswirkungen der Vertreibung zu sammeln und die Wiederherstellung geordneter Verhältnisse zu unterstützen. Seine Arbeit hatte vielmehr für den einzelnen Betroffenen eine große individuelle Bedeutung: „Der kirchliche Suchdienst war für viele Vertriebene ein großer Segen. Das wird mir in Gesprächen mit Mitgliedern der Gemeinschaft evangelischer Schlesier immer wieder deutlich“, sagt ihr Vorsitzender Martin Herche, Generalsuperintendent des Sprengels Görlitz. „Da ist zum Beispiel die Erinnerung an den Jungen, der nach Jahrzehnten endlich seine Familie fand, oder an die Eltern, die sich damals durch den Suchdienst wiedergefunden haben.“

Heute irren wieder hunderttausende Heimatlose durch Europa. Viele gelangen nach Deutschland. Sie stehen vor ähnlichen Herausforderungen und Fragen wie die Vertriebenen der 1940er Jahre. „Heimatortskarteien“ lassen sich für diese Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen und Staaten nicht in der Form erstellen, wie dies nach dem Zweiten Weltkrieg den Kirchen möglich war. Dennoch gibt es auch für sie Hilfeleistungen, wenn Angehörige vermisst werden: Ihre erste Anlaufstelle ist der international vernetzte Suchdienst des Roten Kreuzes.

Die Vertreibung der Deutschen liegt mehr als zwei Generationen zurück. „Inzwischen ist viel Zeit vergangen. Aber noch sind in manchen Familien Fragen offen“, so Martin Herche. Die Datenbestände des Suchdienstes werden mit größter Wahrscheinlichkeit im Lastenausgleichsarchiv der Zukunft erhalten bleiben.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 43/2015.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s