Schwieriges Erbe

Neue Ausstellung gibt Einblick in die Beziehungen Luthers zum Judentum

Von Tilman Asmus Fischer

Zwei Jahre bevor das Reformationsjubiläum mit dem Kirchentag in Berlin seinen Höhepunkt erreichen wird, widmet sich im Herzen der Hauptstadt eine Ausstellung dem heute wohl ambivalentesten Kapitel der Reformation Wittenberger Prägung: dem Verhältnis Martin Luthers zum Judentum.

In vier Jahren Arbeit ist unter dem Dach der EKBO und des Touro College Berlin (TC) eine umfassende wie anschaulich aufbereitete Schautafel-Ausstellung entstanden, der man nur wünschen kann, dass sie vor und nach 2017 noch in vielen Orten in der EKBO und darüber hinaus zu sehen sein wird. Zunächst einmal wird sie noch bis zum 18. Dezember in der Sophienkirche in Berlin-Mitte gezeigt.

Martin Luther (Georg Pencz, 1533)
Martin Luther (Georg Pencz, 1533)

„Rückblick und Aufbruch“ will die Ausstellung zeigen, die von einer Arbeitsgruppe unter Leitung des emeritierten Neutestamentlers und langjährigen Leiters des Instituts für Kirche und Judentum, Peter von der Osten-Sacken, entstanden ist. Beteiligt waren neben anderen der EKBO-Beauftragte für das Reformationsjubiläum, Pfarrer Bernd Krebs, und Sara Nachama, Rektorin des Touro College Berlin, einer amerikanisch-jüdischen Privathochschule, von der auch die Idee zur Ausstellung ausging. Ermöglicht wurde die Ausstellung durch die finanzielle Unterstützung der Axel-Springer-Stiftung.

Einen Aufbruch wagt sie in dem Sinne, dass sie christliche und jüdische Perspektiven auf theologische Grundfragen und historische Entwicklungen gegenüberstellt. Hierzu fordert bereits das Grundproblem des Verhältnisses von Christentum und Judentum auf: „Eine Bibel – zwei Lektüren“. Ausgehend von Cranachs Gemälde „Gesetz und Gnade“ entschlüsseln die Autoren der Ausstellung das Nebeneinander des christlichen Messiasverständnisses und jüdischen Lebens aus der Schrift.

Mit dem Anspruch nach „Rückblick und Aufbruch“ greift die Ausstellung über Luther hinaus: Zum einen, indem sie seine Haltung zum Judentum vor dem Hintergrund ihrer theologischen Vorgeschichte darstellt – denn der tradierte Vorwurf der Verstockung der Juden ist die Blaupause Luthers antijüdischer Schriften. Dabei bleibt Luther eine ambivalente Figur, die in sich unterschiedliche Strömungen vereint, beim frühen Luther eben auch solche, die im Vergleich zum mittelalterlichen Antisemitismus als fortschrittlich bezeichnet werden müssen.

Zum anderen zeichnet sie die unterschiedlichen Facetten der Rezeption des lutherischen Judenbildes in der Frühneuzeit bis zum Nationalsozialismus nach und endet mit „Perspektiven“ einer heutigen christlich-jüdischen Partnerschaft. Damit macht sie deutlich: Die Geschichte Luthers und der Juden ist auch unsere Geschichte.

„Martin Luther und das Judentum – Rückblick und Aufbruch“, 16. 10.–18. 12., täglich von 11–18 Uhr in der Sophienkirche, Große Hamburger Straße 29/30, 10115 Berlin-Mitte
Begleitende Vortragsreihe, jeweils montags vom 16. 11. bis 7. 12, 19.30 Uhr, Sophienkirche, Infos demnächst: http://www.ekbo.de/handeln/martin-luther-und-das-judentum.html
Einführung für Gruppen/Einzelne in die Ausstellung und Begleitung: Helmut Ruppel, Tel: (030)8313813 E-Mail: h.m.ruppel@gmx.de, und Ingrid Schmidt, Tel: (030) 8511908, E-Mail: ille.schmidt@kabelmail.de

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 43/2015.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s