Dem Geschehenen verhaftet

2015 erinnert Europa an das Kriegsende vor 70 Jahren – das Ende nationalsozialistischer Schreckensherrschaft mit Völkermord und Rassenwahn, der im Osten Flucht, Vertreibung und kommunistische Gewaltherrschaft folgten. Wie wirkt die historische Schuld in die Generationen der Nachgeborenen hinein? Und wie sieht ein verantwortlicher Umgang mit der historischen Verantwortung aus? Hierüber spricht im Interview Dr. Jobst Schöne, Bischof im Ruhestand der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche. Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Der Begriff „Buße“ wird heutzutage schnell im Munde geführt. Was meint er jedoch ursprünglich aus theologischer Sicht?

Der griechische Begriff für Buße im Neuen Testament heißt im Deutschen „Umkehr“. Umkehr, zu der wir aufgerufen sind, Umkehr zu Gott, zu seinem Willen. Das setzt die Analyse voraus, dass der Mensch Gott weggelaufen ist, Gott aus dem Blick verloren hat, „Gott-los“ geworden ist. Und an dem Punkt setzt die Aufforderung zur Buße, der Ruf zur Umkehr an.

Was kann uns der Begriff in diesem eigentlichen Sinn heute noch sagen?

In einer Zeit, in der alle Wertvorstellungen ins Wanken zu kommen scheinen, oder schon ins Wanken gekommen sind, kann ein Ruf, sich zu besinnen, nur heilsam sein in jeder Weise. Und ich würde Buße am liebsten verstanden wissen als einen Aufruf, sich zu besinnen: Wo stehen wir eigentlich? Was tun, sagen und denken wir eigentlich? Und für den Christen heißt das immer: Kann das, was ich da tue, rede und denke vor Gott bestehen?

Wenn Umkehr in diesem Sinne erst einmal einen persönlichen innerlichen Vorgang beschreibt: Was kann sie mit Blick auf die im 20. Jahrhundert geschehenen Verbrechen bedeuten?

Wir können so gesehen ja gar nicht „umkehren“. Wir können die Dinge, die geschehen sind, nicht „umkehren“.Wir können nur selber in unserem Denken und Handeln umkehren. Was wichtig ist, ist, dass wir erkennen, dass wir eine Verantwortung haben. Verantwortung in dem Sinne, dass wir zusehen müssen, dass diese schrecklichen Dinge sich nicht wiederholen dürfen. Dass wir sie auch nicht klein reden und beschönigen. Sondern sagen: Das ist so geschehen und das ist entsetzlich gewesen und dem bleiben wir verhaftet. Verhaftet bleiben, heißt ja nicht, dass wir direkt und persönlich dafür verantwortlich gemacht werden können. Verantwortung haben wir aber eben in dem Sinne, dass wir dafür einstehen müssen, dass sich so etwas nicht wiederholt.

Bischof Dr. Jobst Schöne (Foto: privat)

Übertragbar ist die Schuld aber nicht?

Zur Schuld gehört ein Täter, der das auf sein Gewissen zu nehmen hat, was er getan oder unterlassen hat. Das ist immer eine Person und nicht ein Kollektiv oder gar eine nachfolgende Generation. Ich bin sehr skeptisch, wenn man von Kollektivschuld redet oder wenn man die Schuld vorangegangener Generationen der lebenden Generation aufladen will. Denn das kann auch eine Flucht sein. Ich weiß nicht, ob man die Schuld, die Menschen auf sich genommen haben, überhaupt richtig ernst nimmt, wenn man sie auf Menschen, die an der Tat nicht beteiligt waren,übertragen will und damit verschiebt.

Was bedeutet es – etwa für die Kirchen als Stimme in der Gesellschaft – vor diesem Hintergrund, Verantwortung zu übernehmen?

Es bedeutet Gewissensschärfung: Menschen darauf aufmerksam zumachen, was da an Unrecht und Schrecken und Brutalität und Entsetzlichem passiert ist, dass so etwas jederzeit aus dem Menschen hervorbrechen kann, nicht hervorbrechen muss! Aber eben hervorbrechen kann. Und deshalb müssen wir Menschen immer wieder darauf hinweisen, dass sie sich vor Gott zu verantworten haben. Und wenn das aus dem Blickfeld gerät, dann gute Nacht! Dann kann es sehr schnell zu schrecklichem Unrecht und Untaten kommen. Und ich frage mich angesichts brennender Flüchtlingsunterkünfte, was in Menschen vorgeht, die Flüchtlingen, die buchstäblich um ihr Leben gerannt sind, mit solchem Hass zu begegnen.

Besteht eine solche Verantwortung nur individuell oder auch im Bezug auf Gruppen wie ‚die Deutschen’?

Dem, was vor 70 Jahren geschehen ist, bleiben wir verhaftet. Und das ist auch eine besondere Verhaftung, die wir als Deutsche tragen. Ich kann dem nicht entgehen. Aber wenn ich es ignoriere, dann, denke ich, verfehle ich meine Aufgabe und meine Verantwortung.

Nun fällt das Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkrieges in die Vorwehen des Reformationsgedenkens 2017. Welche Perspektive könnte gerade die historische Botschaft der Reformation, die lutherische Rechtfertigungslehre, für die Versöhnung und ein Miteinander der Nachfahren der ehemaligen Kriegsgegner eröffnen?

Wenn wir uns doch bloß ein bisschen auf Luther besinnen würden! Das ist ja der Jammer bei dem, was bis jetzt an Vorbereitungen auf das Reformationsgedenken zu Tage getreten ist, dass es sich herzlich an der Oberfläche bewegt. Da pflanzt man Luther-Bäume, macht alle möglichen Veranstaltungen und weist auf alles mögliche hin. Aber das, was Luther uns eigentlich vermitteln wollte, kommt aus meiner Sicht erheblich zu kurz.

Was wäre es denn, was Luther uns etwa für das Zusammenleben von Tätern und Opfern sagen könnte?

Zunächst, dass wir alle vor Gott ganz arm dastehen. Und wenn ich sage „alle“, dann sind das Täter und Opfer, dann sind das auch die unterschiedlichsten Völker, dann sind das nicht nur einzelne, die wir namhaft machen können und wollen. Das ist ein allgemeiner Zustand der Menschen, dass sie Sünder sind und, wenn sie zu Gott finden und umkehren, zugleich Gerechtfertigte sein können. „Simul iustus et peccator“ – das ist nun wirklich eine Grundmaxime bei Luther. So sieht er den Menschen – und so sieht er ihn wohl auch richtig. Denn damit müssen wir auf der einen Seite unsere eigene Armut, Hilflosigkeit und Hilfsbedürftigkeit vor Gott anerkennen – und auf der anderen Seite haben wir eine Hoffnung, eine Aussicht und eine Perspektive. Und das, denke ich, kann im Verhältnis nicht nur von Mensch zu Mensch, sondern auch von Volk zu Volk von großer Bedeutung und Wichtigkeit sein.

So erscheinen historisch aufgetretenen Verbrechen als Symptome einer allgemeinen Abkehr des Menschen von Gott.

Überall, wo so etwas passiert, zeigt sich in dem Geschehen Abkehr von Gott und Verlust der Gottesnähe – das ist ganz klar. Und das deutlich zu machen, wäre sehr wichtig. Man muss wissen, dass das immer wieder aus Menschen hervorbrechen und entsetzliche Formen annehmen kann. Schließlich gab es nicht nur einen Hitler, sondern auch einen Stalin und einen Pol Pot und wer weiß wen an entsetzlichen Despoten und Massenmördern. Und da zeigt sich, dass das nicht nur ein europäisches Phänomen ist und nicht allein ein Phänomen, das mit dem Nationalsozialismus zu tun hat, sondern viel tiefer reicht und immer wieder aus Menschen hervorbrechen kann. „Kann“, sage ich, – und hoffentlich nicht „wird“!

Sind wir in diesem Sinne – Nachkommen von Opfer und Täter auf allen Seiten – gemeinsam auf dem Weg, wenn wir die Schuld der Vorfahren bekennen?

Wenn „bekennen“ heißen soll: anerkennen, zur Kenntnis nehmen, dann sollten wir doch eigentlich schon alles wissen . „Sollten“, sage ich, aber mitunter tun wir es nicht. Es ist wichtig, die Vergangenheit nicht zu verdrängen – zugleich aber zu sehen, dass das etwas ist, was nicht nur singulär im 20. Jahrhundert passieren konnte, sondern eine Gefahr bleibt, die immer wieder aufbrechen kann.

Wie kann hieraus eine gemeinsame Perspektive auf die belastete gemeinsame Geschichte entstehen?

Es kommt darauf an, den anderen als Mitmenschen wahrzunehmen, der in gleicher Schuldverlorenheit vor Gott steht und in gleicher Weise auf göttliches Erbarmen angewiesen ist. Also den anderen als ein Mitgeschöpf und gegebenenfalls Kind Gottes wahrzunehmen – das wäre ganz wichtig.

Also sollten wir – Deutsche und ihre Nachbarn – nicht im reinen Gegenüber zueinander stehen bleiben, sondern uns lieber gemeinsam auf Gott hin orientieren?

Richtig, genau so ist es – das wäre das Beste!

Bischof Dr. Jobst Schöne, geboren am 20. Oktober 1931 in Naumburg (Saale), ist emeritierter Bischof der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche.

Erschienen in: DER WESTPREUSSE – Unser Danzig 10/2015.

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