Die Kirche ging vielen zu weit

Ost-Denkschrift der EKD sorgte vor 50 Jahren für heftige Auseinandersetzungen

  

Wohl kaum ein EKD-Papier hat in der Nachkriegsgeschichte für derartige inner- und außerkirchliche Auseinandersetzungen gesorgt wie die Ostdenkschrift.

Von Tilman Asmus Fischer

Hannover. Erarbeitet von der Kammer der EKD für öffentliche Verantwortung, wa die Denkschrift im Herbst 1965 – rund 20 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges – vom Rat der EKD verabschiedet und unter dem Titel „Die Lage der Vertriebenen und das Verhältnis des deutschen Volkes zu seinen östlichen Nachbarn“ veröffentlicht worden.

Sie benannte auf der einen Seite deutlich Defizite in der Integration der Ostvertriebenen – etwa die mangelnde Bereitschaft der Zivilgesellschaft, die Vertreibungsopfer mit ihren Traumata ebenso wie mit ihren kulturellen Traditionen auf- und anzunehmen, sie tatsächlich zu integrieren. Dasselbe galt für Formen der sozialen Benachteiligung der Vertriebenen – zum Beispiel der mangelnden Altersvorsorge für in der verlorenen Heimat als Eigenständige berufstätig Gewesene. Hier fand die Kirche klare Worte im Sinne der Betroffenen.

Andererseits forderte sie jedoch auch politischen Realismus und hinterfragte daher das Beharren auf den deutschen Grenzen von 1937, das zur damaligen Staatsräson gehörte. So warnte sie die deutsche Politik davor, „mit ihren politischen Vorstellungen neben die weltpolitische Wirklichkeit zu geraten und über unbestimmte Zukunftserwartungen gegenwärtige Aufgaben zu versäumen“.

„Über diesen Vorstoß war ich damals empört und entsetzt – ich überlegte sogar, aus der Kirche auszutreten“, erinnert sich Christian Tietze, stellvertretendes Mitglied des Kirchentags der Bremischen Evangelischen Kirche. Der Jurist stammt aus einer westpreußischen Pfarrersfamilie. Nach der Vertreibung aus Kulm an der Weichsel wurde sein Vater Domprediger in Bremen, organisierte vor Ort die evangelische Vertriebenenhilfe und saß über Jahre im Bundesvorstand des westpreußischen Vertriebenenverbands.

Ihm selbst sei zwar schon in den 1960er- und 70er-Jahren klar gewesen, erinnert sich Christian Tietze, dass die Gebiete jenseits der Oder-Neiße-Linie nicht mehr zu Deutschland zurückkommen würden. Ebenso wie sein Vater und seine Familie habe er sich jedoch gefragt: „Mit welchem Mandat äußert sich die Kirche in dieser Art und Weise?“

Genau damit machte die EKD sich zum Wegbereiter der sozialliberalen „Neuen Ostpolitik“. Sie brach jedoch zugleich mit den damaligen Paradigmen, unter denen in Deutschland über Zentralthemen der Vertriebenenpolitik diskutiert wurde: das Recht auf Heimat und das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Folge der Forderung nach einer Anerkennung der Oder-Neiße-Linie – und damit faktisch des Verzichts auf die deutschen Ostgebiete – war nicht nur scharfe Kritik von außen: Sogar der Vertriebenenbeauftragte der EKD, der Schleswiger Bischof Reinhard Wester, legte aus Protest sein Amt nieder.

Neben den sachlichen Differenzen scheint jedoch auch mangelnde Kommunikation Ursache der Auseinandersetzungen gewesen zu sein. „Nennenswerte Versuche, den Flüchtlingen und Vertriebenen seelsorgerlich bedacht die Anliegen der Denkschrift zu vermitteln, hat es kirchlicherseits kaum gegeben“, urteilt der Kirchenhistoriker Professor Peter Maser rückblickend: „Da wäre manche Verletzung und Verbitterung durchaus vermeidbar gewesen.“

Maser, der in den 1970er-Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter im EKD-Kirchenamt in Hannover tätig war, erkennt in den damaligen Entwicklungen ebenso Einflusslosigkeit der Vertriebenenpolitik auf die EKD wie die mangelnde Bereitschaft mancher protestantischer Vertriebenen, von bisherigen Vorstellungen und Forderungen abzurücken. Die Auseinandersetzungen führten zu einer anhaltenden „bewussten Distanz der Flüchtlings- und Vertriebenenseelsorge gegenüber den Vertriebenenverbänden“, so Maser.

„Vielleicht war damals die Gesellschaft noch nicht weit genug“, vermutet Tietze rückblickend. Heute könne er die damals vorgebrachten Denkanstöße gutheißen. Als Vorsitzender des Heimatkreises Kulm, in dem sich die ehemaligen Bewohner seiner Heimatstadt und ihre Nachfahren organisieren, ist er heute selbst als Brückenbauer zwischen Ost und West unterwegs. Die Kirche hätte jedoch – dies bestätigt Masers Urteil – ihre Position „den Menschen allmählich beibringen müssen“. Dies habe er vermisst: „Die Kirche hätte hier nicht so vorpreschen sollen.“

Heute steht die Frage der deutschen Ostgrenze nicht mehr im Zentrum der Debatten um Flüchtlinge und Vertriebene. Dies umso mehr, seit neue Heimatlose in Deutschland und Europa die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Daher blicken junge Christen heute – wenn überhaupt – geprägt von diesen Erfahrungen auf das „alte“ Papier zurück. So geraten die Passagen in den Blick, die die mangelnde Integration der Ostvertriebenen problematisieren.

Anna Bransch, angehende Theologin der hannoverschen Landeskirche, erlebt als Studentin in der Bundeshauptstadt die aktuellen Entwicklungen und fragt sich: „Wie soll die Integration heute gelingen, wenn sie schon damals scheiterte?“ Daher wünscht sie sich, Konsequenzen aus der Ostdenkschrift zu ziehen.

Da heißt für sie – neben der tätigen Nächstenliebe – mehr Empathie für die Traumata der Betroffenen und Achtung vor ihrer kulturellen Prägung. Denn: „Heute haben wir es zwar mit anderen Problemen zu tun, aber die Aufgabe ist dieselbe: langfristig ein Gemeinschaftsgefühl herzustellen“, sagt Bransch.

Hierzu wünscht sich die Theologiestudentin, mehr als damals „auf das menschliche Schicksal zu sehen“. Wichtig sei es, den Menschen zuzuhören und sie dabei zu begleiten, sich ihrer Erlebnisse auf der Flucht zu stellen. Es wird deutlich: Wenn die akuten sozialen Nöte gelindert sind, ist die Integration noch nicht vollzogen. Gerade dann möge sich „die deutsche Gesellschaft nicht derart verschließen“ wie damals sogar gegenüber den eigenen Landsleuten. „Hier können wir noch heute aus der Ostdenkschrift lernen.“

Originaltext der „Ostdenkschrift“ unter: http://www.ekd.de/download/ostdenkschrift_1965.pdf

Erschienen in: Evangelische Zeitung 39/2015.

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