Impuls zur Versöhnung

Evangelische Kirche und Polnischer Ökumenischer Rat würdigten die Ostdenkschrift der EKD von 1965

Von Tilman Asmus Fischer

Zurecht werde sie als die erfolgreichste Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bezeichnet, konstatierte Bischof Hans-Jürgen Abromeit, Beauftragter des Rates der EKD für deutsch-polnische Beziehungen, am 17. September in der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin. Dorthin hatte die EKD eingeladen, um mit einem Festakt an das Erscheinen der sogenannten Ostdenkschrift vor 50 Jahren zu erinnern. Der von der Kammer für öffentliche Verantwortung der EKD erarbeitete und 1965 veröffentlichte Text trug den Titel: „Die Lage der Vertriebenen und das Verhältnis des deutschen Volkes zu seinen östlichen Nachbarn“.

Als Grund für den Erfolg der Denkschrift, als „Impuls zur Versöhnung wirksam“ geworden zu sein, markierte EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm in seiner einführenden Rede die von ihr vertretene ethische Grundentscheidung: ihr Anliegen, Versöhnung als zentrale politische Kategorie zu etablieren. Damals, 20 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, übte die EKD zum einen deutliche Kritik an der mangelhaften Integration der Ostvertriebenen in die westdeutsche Gesellschaft. Zum anderen wagte sie einen außenpolitischen Vorstoß im Sinne einer stabilen Friedensordnung: Sie forderte die Bereitschaft, über die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als deutsche Ostgrenze nachzudenken. Hiermit brach sie mit dem offiziellen politischen Beharren auf den Grenzen von 1937.

Der Präsident des Bundes der Vertriebenen, Bernd Fabritius, würdigte die Ostdenkschrift bereits im Vorfeld des Festaktes als einen aus heutiger Sicht wichtigen „Anstoß zur Verständigung und als Schritt auf dem Weg in die Zukunft in einem friedlichen Europa“. Ihr Ansatz habe jedoch zu einer politischen Kontroverse geführt, an die der Bundestagsabgeordnete der CSU gegenüber „die Kirche“ erinnerte: „Sie wollte die Versöhnung befördern, wagte sich dafür aber mit damals umstrittenen Thesen ins Politische vor.“

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hielt den Festvortrag beim EKD-Festakt. (Foto: photothek/Thomas Köhler)
Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hielt den Festvortrag beim EKD-Festakt.
(Foto: photothek/Thomas Köhler)

Welche Bedeutung der Mut der EKD haben sollte, die „Tür aufzustoßen“ und die Debatte anzuregen, skizzierte der Festvortrag von Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier. Die Bereitschaft, das Tabu der Oder-Neiße-Linie anzutasten, habe zu einem politischen Wendepunkt geführt, dessen Folge 1970 der Warschauer Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Volksrepublik Polen gewesen sei, so Steinmeier. Dabei unterstrich der Minister neben der außenpolitischen die zivilgesellschaftliche Dimension dieses Paradigmenwechsels und verwies auf die heutige enge Verbundenheit zwischen dem deutschen und dem polnischen Volk.

Zwar habe die Denkschrift, so Bernd Fabritius, „sowohl in der eigenen Gesellschaft als auch dem Ausland gegenüber um Verständnis für das Schicksal der deutschen Heimatvertriebenen“ geworben – jedoch sei es damals nur unzureichend gelungen, „das tiefe Trauma aufzunehmen, das die Betroffenen durch den Heimatverlust erlitten hatten“. Viele protestantische Vertriebene fühlten sich 1965 vor den Kopf gestoßen. „Die Ostdenkschrift erschien in einer Zeit, als die deutsche Gesellschaft noch mit dem Maß an Verantwortung rang, das die Aufarbeitung des Zweiten Weltkrieges mit sich brachte“, hebt Fabritius hervor.

Heute ist die Versöhnung zwischen Deutschland und seinen östlichen Nachbarn gediehen – gerade auch auf Ebene der Kirchen. Hierfür spricht unter anderem die Tatsache, dass der Festakt gemeinsam von der EKD und dem Polnischen Ökumenischen Rat (PÖR) ausgerichtet wurde. Jeremiasz Anchimiuk, PÖR-Präses und Erzbischof der Polnisch-Orthodoxen Kirche, würdigte die Ostdenkschrift nicht nur als aufrichtig und konsequent, sondern weitete die Perspektive für gegenwärtige Herausforderungen. Denn heute bestehen wieder neue politische Spannungen in Osteuropa. Diesmal verlaufen die offenen Fronten zwischen Russland und etwa der Republik Polen. In diese Konflikte hinein sei es 2012 eine gemeinsame Botschaft von polnischen und russischen Kirchenvertretern an die Völker Russlands und Polens gewesen, die ein sichtbares Zeichen für die Versöhnung gesetzt habe.

Erschienen in: Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 39/2015.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s