Die Gläubigen gefragt

Ist Ihnen eine christliche Erziehung Ihrer Kinder wichtig? Sollten katholische Priester wählen können zwischen Zölibat und Ehe? Finden Sie, dass das Diakonat der Frau in der katholischen Kirche möglich sein sollte? Im Vorfeld der Bischofssynode 2015 haben Sarah Delere, Anna und Tobias Roth, Studierende der Katholischen Theologie und Sozialwissenschaften an der Universität Münster und an der Freien Universität Berlin, ein internationales Forschungsprojekt durchgeführt, bei dem sie katholische Gläubige befragten, wie sie die katholische Familienpolitik beurteilen. Die Ergebnisse präsentierten sie nun in Berlin.

Von Tilman Asmus Fischer

Wenn im Oktober in Rom die von Papst Franziskus einberufene „Familiensynode“ zusammentritt, werden nicht nur die offiziell vom Vatikan über die katholischen Bistümer erhobenen Meinungsbilder der katholischen Gläubigen zur Diskussion stehen. Eine am 19. August in „Stimmen der Zeit“ erschienene und unter großer Aufmerksamkeit der Medien in der Katholischen Akademie in Berlin präsentierte Studie von Sarah Delere, Anna und Tobias Roth präsentiert die Auswertung einer Erhebung, die über 10.000 Katholikinnen und Katholiken weltweit (darunter fast 8.000 aus Deutschland) zu ihren Familienbildern und Aspekten der Partnerschaftsethik befragt hat.

Am Anfang des Forschungsvorhabens der drei Theologiestudierenden aus Münster und Berlin stand die Kritik an der geringen Verbreitung und in weiten Teilen verkomplizierten Formulierung der Fragebögen aus der päpstlichen Erhebung, die im Vorfeld der Familiensynode durchgeführt worden war. Daher konzipierten sie einen in verständlicher Sprache verfassten Fragebogen, den sie online zugänglich machten und bei einer Forschungsreise – auf der zudem Interviews entstanden, die die Erhebung begleiteten – in Übersee verteilten. So erreichten sie „einfache“ Gläubige. Die Ergebnisse der studentischen Studie sind für die breite Öffentlichkeit und die evangelischen Glaubensgeschwister nicht minder interessant als wie für die Katholiken selbst.

Zunächst einmal verschafft die Studie im Sinne der sozialwissenschaftlichen Methodik fundiert Überblick über die tatsächlichen Reformwünsche der Katholiken, auf die Kritiker der katholischen Kirche von außen wie innen sich immer wieder beziehen. So fordern etwa 90 Prozent der deutschen Teilnehmenden die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion und je über 85 Prozent ein Wahlzölibat und das Frauendiakonat. Dabei geht jedoch die Forderung nach dem Wahlzölibat einher mit einer hohen Wertschätzung des Zölibats als Lebensform.

Markant ist, dass in den meisten der Fragen die Ergebnisse aus Deutschland und weiteren 41 Ländern aller Kontinente ähnlich bis nahezu übereinstimmend sind. Dies ist für die innerkatholische Reformbewegung ein zentrales Argument gegen den Vorwurf, ihre Forderungen entsprängen der westlichen Wohlstandsgesellschaft und seien nicht deckungsgleich mit den allgemeinen Normsetzungen innerhalb der Weltkirche.

Neben den spezifisch katholischen Fragestellungen der Partnerschaftsethik gibt es weitere Erkenntnisse. Sie betreffen Problemfelder, die auch in evangelischen Kirchen verhandelt werden, etwa die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Wenn auch 70 Prozent der deutschen Befragten – hier sind die Abweichungen im internationalen Vergleich größer – Anerkennung und Segnung dieser Lebensgemeinschaften fordern, so wird doch auch zwischen „Trauung“ und „Segnung“ unterschieden.

Grundsätzlich wird der Wunsch geäußert nach einer differenzierteren kirchlichen Lehre angesichts des Scheiterns von Partnerschaften in der Lebensrealität, jedoch ein Festhalten am Ideal von Ehe und Familie gefordert: „Kernanliegen der Teilnehmenden ist es, mit der Spannung von Ideal und Wirklichkeit menschlich und aufrichtig umzugehen“, so Sarah Delere.
Anregend dürfte die Studie für Protestanten jedoch jenseits der konkreten ethischen Fragestellung auf einer viel grundsätzlicheren Ebene sein: „Hervorheben kann man, dass es uns mit der Erhebung geglückt ist, die ganz normalen Katholiken zu erreichen – unabhängig davon, ob sie akademisch oder in Verbänden mit Theologie befasst sind. So haben wir es geschafft, sie in den Prozess einzubeziehen“, sagte Delere. Gerade angesichts der Debatte um die Familien-Orientierungshilfe der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) lässt sich fragen: Wenn die Entscheidung über theologisch-ethische Grundlagenpapiere schon beim kleinen Kreis des Rates der EKD und nicht bei der Synode liegt – könnte ihr Entstehungsprozess nicht vielleicht befruchtet werden durch basisorientierte Erhebungen, wie sie hier katholische Laien vorgelegt haben?

Sarah Delere, Anna Roth und Tobias Roth: Neue Formen des Hörens in der katholischen Kirche. In: Stimmen der Zeit, 09/2015
http://www.stimmen-der-zeit.de


Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 35/2015.

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