„… wir bringen unsre Jahre zu wie ein Geschwätz…“

Am 24. August 1950 starb der Schriftsteller Ernst Wiechert

 

Quelle: Internationale Ernst-Wiechert-Gesellschaft
 

Von Tilman Asmus Fischer

Ein Mann entflieht dem unsteten Großstadtleben und wählt das Einsiedlertum auf dem Lande. Ein Soldat kehrt traumatisiert aus dem Krieg zurück – getrieben von der Frage nach dem Sinn des Lebens. Gegenüber der Moderne erscheint das Leben im Einklang mit der Natur sinnerfüllt. Themen und Charaktere, die im Hier und Jetzt beheimatet sein könnten. Sie begegnen uns jedoch in den Texten des vor 65 Jahren verstorbenen Ernst Wiechert. Einst Bestseller in den 1920er bis 1950er Jahren, ist dieser christliche Schriftsteller heute weitestgehend der Vergessenheit anheimgefallen.

Sein wohl bedeutendster Roman „Das einfache Leben“ erzählt die Geschichte eines Marineoffiziers nach dem Ersten Weltkrieg, der sich vom schnelllebigen Alltag der Großstadt – und der Drogensucht seiner Frau – abwendet und als Einsiedler in die masurischen Wälder zieht. Die Naturverbundenheit im Werk Wiecherts erklärt sich aus der Kindheit des 1887 im ostpreußischen Kleinort Geborenen.

Trotz, oder vielleicht gerade wegen eigener Naturerfahrung, darf der heutige Leser keinen Kitsch erwarten, sondern Bilder, die neben dem Erlebnis der Natur geprägt sind von Glaubenserfahrungen und -einsichten. Der Dreiklang Gott – Schöpfung – Mensch prägt die Autobiografie „Wälder und Menschen“ ebenso wie „Das einfache Leben“. Letztlich lässt sich der Roman als Reflexion über Psalm 90 lesen: „… wir bringen unsre Jahre zu wie ein Geschwätz…“

Seine Sprache und Helden erscheinen verschlossen und weltabgewandt – die Ästhetik unterstellte er dem Wunsch, seine Leser zu trösten. All dies sollte zum Nationalsozialismus nicht passen. „Wiechert erkannte, dass die neuen Herrscher sich anschickten, alles zu zerschlagen, was er und die ihm Gleichgesinnten aufgebaut hatten und vertraten: das naturbestimmte, freie Menschentum, das seine Erfüllung in Liebe, Mitmenschlichkeit, stiller Arbeit und Geduld im Gesetz der Sitte und der Menschenwürde findet“, konstatiert der Literaturhistoriker Helmut Motekat. Mehrfach bezieht Wiechert öffentlich Stellung gegen Ideologie und Unmenschlichkeiten. 1938 wird er für mehrere Monate Haft ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Er zerbricht fast an den Erlebnissen. „Das einfache Leben“ erscheint – dank eines ‚Versehens’ – trotz Publikationsverbot 1939.

Erst nach dem Weltkrieg erscheint der „Totenwald“ – literarisch verfasste Erinnerungen an die KZ-Haft. Das hier spürbar werdende Leid angesichts erlebter und erfahrener Entmenschlichung bewegt noch heute. In den Erinnerungen der Figur „Johannes“ berichtet er unter anderem von ermatteten und misshandelten Zwangsarbeitern: „Johannes sah, wie einer von ihnen, taumelnd, schon voller Blut im Gesicht, zum Scharführer gerufen wurde, um sich zu verantworten. Wie er, mit eisigem Hohn übergossen, wieder zurückwankte und der Scharführer, lächelnd, einen kopfgroßen Stein mit voller Wucht in den Rücken des Nichtsahnenden schleuderte, so dass dieser auf seinem Gesicht liegenblieb.“

Ein gleichfalls bedeutendes historisches Zeugnis ist Wiecherts „Rede an die deutsche Jugend“, die er bereits im Herbst 1945 vor Studenten in München hielt – für einen ethisch-humanen Neubeginn werbend. Während der „Totenwald“ inzwischen eine Neuauflage erlebt hat, harrt die „Rede an die deutsche Jugend“ immer noch einer neuerlichen Veröffentlichung, die ihr gewiss zustünde.

Ernst Wiechert: Der Totenwald – Ein Bericht. Mit einem Essay von Klaus Briegleb. Suhrkamp, Berlin 2008.
Internationale Ernst-Wiechert-Gesellschaft e.V.: http://www.ernst-wiechert-international.de

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 34/2015.

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