Unsichtbare Scheiterhaufen überwinden

Reformation ist nicht allein auf Wittenberg zurückzuführen. Und sie ist nicht erst ein Thema des 16. Jahrhunderts. Bereits mehr als 100 Jahre vor dem lutherischen Thesenanschlag sorgte ein europäischer Theologe für geistige Bewegung im Christentum: der Böhme Jan Hus. Er kritisierte unter anderem die anmaßende Autorität des Papstes, den Ablasshandel, die Reliquienverehrung und führte die tschechische Predigt ein. Christus sah er als alleiniges Haupt der Kirche an und die Bibel als einzigen Maßstab. Dafür büßte er vor 600 Jahren mit seinem Leben. Am 6. Juli 1415 wurde er auf dem Konstanzer Konzil verbrannt.

Bei Hus war schon so manches angelegt, was späterhin bei Luther zu finden sein sollte. Jedoch, wie gesagt: Anders als bei Luther führten ihn seine Abweichungen zum Scheiterhaufen. Seine Theologie – und die Einforderung eines offenen Disputs mit seinen Opponenten.

„Die Henker ergreifen ihn, binden ihn mit nassen Stricken an einen Pflock, legen ihm eine rostige Kette um den Hals und schichten bis auf Kinnhöhe Holz, Reisig und Stroh um ihn auf. Noch einmal wird er vom Pfalzgrafen und vom Marschall von Pappenheim gefragt, ob er seine Ketzereien widerrufen wolle – so könne der sein Leben retten. Ein letztes Mal antwortet der Magister: Welche Irrtümer soll ich widerrufen? Ich bin mir keines einzigen bewusst! In der evangelischen Wahrheit, die ich geschrieben, gelehrt und gepredigt habe, will ich heute gerne sterben!“ (nachzulesen bei Arnd Brummer, Jan Hus. Warum ein frommer Katholik auf dem Scheiterhaufen endete, Wichern-Porträts)

Hus ist selbst kein Leisetreter: Auf der Prager Diözesansynode fordert er die Exkommunikation hurender Kleriker. „Als grausame Inkarnation der Verlogenheit und Habsucht entlarvt Hus die sogenannten Bettelorden, die fetten Mönche des Herrn, die ihre Armut lediglich vortäuschten, um an Geld zu kommen.“ Wer sich also in der Tradition dieses Hus sieht, darf auch einmal deftig werden – ein Zug, den heute die politische Korrektheit in Debatten oft vereitelt.

Eines sollte uns jedoch das Beispiel „Hus“ lehren: auch mit den Vertretern der Gegenseite im Gespräch zu bleiben und sie nicht auf den Scheiterhaufen zu schicken. Gewiss und zum großen Glück gibt es in unserer sich als aufgeklärt verstehenden Zeit keine Scheiterhaufen aus Holz, wie denjenigen, der Hus zum Verhängnis wurde. Aber es gibt unsichtbare Scheiterhaufen, die wir errichten, wenn wir versuchen, das Gegenüber zu marginalisieren oder gar mundtot zu machen.

Jeder Mensch, der eine andere Position vertritt als ich selbst, hat dennoch so viel Respekt verdient, dass ich mich nicht dazu herablasse, ihn zu negieren, eben auch nicht sein Recht auf Selbstpositionierung. In der evangelischen Kirche sollte dies erst recht gelten, da wir doch letztlich – ebenso wie Hus – eine Instanz außerhalb von uns als Richterin anrufen können: die Heilige Schrift. Eben diese sollte uns zu mehr Gelassenheit im Disput ermutigen – in gut protestantischer Tradition! In gut hussitischer Tradition!

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Frohe Botschaft Juli/2015.

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