„Sterbehilfe darf nicht zum Geschäftsmodell werden“

Bis zum Herbst dieses Jahres will der Bundestag gesetzliche Regelungen zur Suizidbeihilfe beschließen. Derzeit erarbeiten Abgeordnete in fraktionsübergreifenden Gruppen Gesetzentwürfe. Der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Jens Spahn, berichtet im Interview mit Tilman Asmus Fischer über die aktuellen Entwicklungen und den Stand der Debatte.

Herr Spahn, welche der im letzten Herbst diskutierten Varianten liegen zurzeit noch auf dem Tisch und werden ernsthaft diskutiert?

Wir wollen die verschiedenen Anträge noch vor der Sommerpause diskutieren. Allerdings ist die Einreichungsfrist noch nicht abgelaufen, deshalb kann es noch weitere Anträge geben. Aber es zeigt sich, dass die Vorschläge von der regulierten Freigabe der Suizidbeihilfe bis zu ihrem völligen Verbot reichen. Die Breite der gesellschaftlichen Debatte findet sich auch im Parlament wieder, wie sollte es anders sein?

Welche Regelung wäre denn für Sie persönlich erstrebenswert?

Jens_Spahn_CDU_MdB_Pressebild_volle_Auflösung_01Sterbehilfe darf nicht zum Geschäftsmodell werden. Das wäre die Banalisierung und Ökonomisierung des Sterbens. Die Beihilfe zum Sterben als selbstverständliche Abrechnungsziffer in der ärztlichen Gebührenordnung würde schlussendlich die Sterbehilfe zu einer normalen medizinischen Behandlungsoption machen wie jede andere auch. So wird aus einer Entscheidung im extremen Einzelfall schnell ein Normalfall. Und spätestens wenn die Werbung für den „sanften Tod“ per Anzeige oder Litfaßsäule wie selbstverständlich neben der Cola-Werbung winkt, wird die schiefe Bahn ziemlich rutschig. Daher muss es ein Verbot gewerblicher und organisierter Sterbehilfe und der Werbung für Sterbehilfe geben. Kein Geschäft mit dem Tod – das ist ein wichtiges Signal an die Gesellschaft und jeden Einzelnen.

Akteure aus dem Umfeld des „Marschs für das Leben“ lehnen „Ausnahmen für Angehörige, Ärzte und nahestehende Personen“ ab. Welchen Rückhalt hat diese Maximalforderung bei Ihren Kollegen im Bundestag?

Wir werden im Bundestag die unterschiedlichen Anträge in einem Gruppenantragsverfahren beraten. Das heißt, jeder wird frei nach seinem Gewissen abstimmen. Aber ich warne davor, zu versuchen, jeden zwischenmenschlichen Lebensbereich zu verrechtlichen, denn das muss schief gehen. Beim persönlichen Einzelschicksal sollten wir Graubereiche ertragen, auch wenn es schwerfällt.

Was können die Kirchen und ihre Vertreter zu der Debatte beitragen?

Ich erhoffe mir ein starkes Zeichen für das Leben. Nicht nur die Kirchen, wir alle sind gefordert, denjenigen Mut zu machen, die ohne Hoffnung sind. Wenn ich mich ernsthaft damit beschäftige, meinem Leben ein Ende zu setzen, muss ich mich dann nicht auch ehrlicherweise mit der Frage auseinandersetzen, wen diese Entscheidung noch betrifft? Denn die Folgen nicht auch zu bedenken, die der eigene Wunsch zu Sterben für nahestehende Menschen in der Familie, im Freundeskreis oder den Kranken begleitende Pfleger und Ärzte haben kann, wäre zumindest egoistisch. Denn sie bleiben angesichts dieser Entscheidung oft verunsichert zurück und sind mit der möglichen Bitte, doch unterstützende Beihilfe zu leisten, überfordert und verzweifelt.
Auch im Sterben gibt es eine Verantwortung für andere und vor Gott. Daher kann es kein faktisches Recht auf Beihilfe zum Sterben geben. Die ernst zu nehmende Sorge vieler schwerkranker oder behinderter Menschen ist zudem, dass aus einem solchen gesetzlich definierten Recht ganz schnell eine Art moralische Pflicht werden könnte: „Warum tust Du Dir (und uns) das alles an, es gibt doch einen Ausweg, wir helfen Dir beim Suizid.“ Daraus wird ganz schnell eine ganz schiefe Bahn.

Wo sehen Sie die deutsche Gesetzgebung zur Suizidbeihilfe Ende 2015?

Ich gehe davon aus, dass wir bis dahin eine intensive Debatte und eine Entscheidung des Bundestages haben werden. Übrigens wird es bis dahin auch gesetzliche Regelungen zur Verbesserung der Palliativversorgung geben. Viele Menschen haben nachvollziehbare Angst vor einem leidvollen schmerzhaften Sterbensprozess. Dabei muss es den gar nicht mehr geben bei einer guten Palliativversorgung.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 25/2015.

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