Antijudaist Luther?

Auf einer Tagung der Evangelischen Akademie zu Berlin wurde das Verhältnis Luthers zum Judentum disukutiert. Angesichts des Reformationsjubiläums 2017 sollen die dunklen Seiten Luthers nicht unter den Tisch fallen.

Von Tilman Asmus Fischer

Ein wenig ziele man mit der Tagung „Reformator, Ketzer, Judenfeind. Jüdische Perspektiven auf Martin Luther“ auf 2017 hin, merkte Christian Staffa von der Evangelischen Akademie zu Berlin – EAB – bei der Eröffnung am 10. Juni in der Berliner Französischen Friedrichstadtkirche an. Ob man dies nur „ein wenig“ tat, kann man natürlich hinterfragen, angesichts der Aufwallungen, die die Frage nach dem Verhältnis Luthers zu den Juden mit Blick auf das Reformationsjubiläum verursachte. Immer wieder hatten evangelische Institutionen – so die EKD, die Evangelischen Akademien zu Berlin und in Sachsen – im Rahmen einzelner Veranstaltungen auch Luthers Judenhass thematisiert. Im Zentrum stehen antijudaistische Schriften des Reformators, die etwa den Titel „Von den Juden und ihren Lügen“ tragen.

Mit dieser Tagung hat es nun erstmals eine öffentlichkeitswirksame gemeinsame Initiative von protestantischer EAB und jüdischer Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden in Deutschland gegeben. Eröffnet wurde sie mit einer Podiumsdiskussion zwischen dem ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider und dem amtierenden Zentralratsvorsitzenden Josef Schuster sowie einem Vortrag des Religionsphilosophen Christian Wiese.

Doron Kiesel, Leiter der Bildungsabteilung, hob seinerseits einleitend die Bedeutung der Tagung hervor – er selbst sei „dankbar und gerührt“ über ihr Stattfinden – da das Thema immerhin den „Religionsbegründer“ einer „befreundeten Religion“ beträfe. Dabei machte er bereits die Komplexität der Problematik und die Notwendigkeit einer differenzierten Annäherung deutlich: Es ginge nicht um die schlichte Frage einer linearen Verbindung zwischen Luther und Auschwitz, sondern um die grundsätzliche Toleranz gegenüber anderer religiöser Existenz. Dieser Diskurs müsse weitergeführt werden. „Warum war über Jahrhunderte das christliches Selbstbild von der Abgrenzung von den Juden abhängig?“, fragte Kiesel.

Dabei ist die Thematik nicht nur komplex, sondern aufgrund der Geschichte des 20. Jahrhunderts auch emotional stark belastet. So ging gleich ein Raunen durch die gemischt christlich-jüdische Zuhörerschaft, als Nikolaus Schneider laut darüber nachdachte, ob die Bezeichnung „Antisemit“ auf Luther überhaupt zuträfe, und stattdessen für den Begriff des „Antijudaismus“ plädierte. Dieser Unterscheidung stimmte auch Schuster zu – wenn er jedoch den nach heutigem Sprachgebrauch antisemitischen Charakter von Luthers Aussagen hervorhob.

Diese könne man, so Schneider, Luther tatsächlich „nicht durchgehen lassen“ – zumal die Thesen im Widerspruch zum Evangelium stünden. Fatal sei die Begründung dieses Antijudaismus aus Überlegungen zur „Verstockung“ Israels im Zusammenhang mit der lutherischen Rechtfertigungslehre. Diese Verknüpfung, das wurde mehrfach deutlich, zeigt, dass die nun vorangetriebene Debatte nicht einfach nur einen Nebenaspekt der Wittenberger Reformationsgeschichte betrifft, sondern Anfragen an die reformatorische Theologie an sich stellt.

In jedem Fall forderte Schneider von seinem Kirchenbund, die theologische Kritik an den fraglichen Thesen Luthers in einer „öffentlichen Form“ festzuhalten – „auch gegenüber dem Zentralrat“. Ihm sei, so Schuster, klar, dass 2017 das Positive der Reformation im Vordergrund stehe. Jedoch hoffe auch er auf ein Zeichen, „das negative Seiten benennt“. Die Form überlasse er der evangelischen Kirche, die durchaus über Wege verfüge, ein solches Zeichen an prominenter Stelle zu setzen.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 25/2015.

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