Bunte Vögel

Was feiern die Kirchen? Was feiert der Staat? Ein Disput um das Reformationsjubiläum

Von Tilman Asmus Fischer

Dies werde keine „Harmonie-Veranstaltung“, kündigte ModeratorinHeike Schmoll an – und sollte Recht behalten. Zu einem „Disput um die Reformation“ hatte der wissenschaftliche Beirat zur Vorbereitung der 500-Jahr-Feier der Reformation Anfang Juni in den Senatssaal der Humboldt-Universität zu Berlin eingeladen. Dafür, dass es nicht zu harmonisch, jedoch unterhaltsam und anregend wurde, sorgte das Podium, bestehend aus zwei lutherischen Kirchenhistorikern – Dorothea Wendebourg und Thomas Kaufmann – und zwei Katholiken – dem Neutestamentler Thomas Söding und dem Verfassungsrechtler Udo Di Fabio.

Dass kein Reformierter auf dem Podium vertreten war, mag die Sorgen derjenigen untermauern, die eine lutherische Engführung der Jubiläumsfeierlichkeiten befürchten. Jedoch gleich zu Anfang sprach sich Thomas Kaufmann gegen ein „monokausales Narrativ“ des Reformationsgedenkens aus. Und zumindest durch einen Verweis von Udo Di Fabio fand der vorlutherische Reformator Jan Hus Erwähnung. Dennoch standen lutherische und katholische Deutungsunterschiede im Zentrum der Diskussion.

Trotz deutlicher Differenzen in Fragen der historischen Entwicklung der Kirchenspaltung bestand Konsens über die Schwierigkeiten, die mit einer Beteiligung der katholischen Kirche an den Reformationsfeierlichkeiten verbunden sind. Seine, die katholische Kirche, „definiert sich nicht über ihr Verhältnis zur Reformation“, betonte Thomas Söding – dies müsse zur Kenntnis genommen werden. Zu erwarten, dass die katholische Kirche mitfeiere, bezeichnete dementsprechend Dorothea Wendebourg als „Nötigung“ – ein gemeinsames Feiern sei nur möglich, wenn man „das Reformatorische auf Null einschmelzt“.

Und genau um das, um den theologischen Kern der Reformation, ging es der Berliner Kirchenhistorikerin Wendebourg in besonderer Weise: dass man den Glauben als die bestimmende Größe im Verhältnis von Menschen und Gott ernstnehme – ebenso als den entscheidenden Maßstab für die Gestalt der Kirche. Hieran habe die Kirche zu erinnern. Dass eine solche „Besinnung auf den theologischen Kern nicht die Frage der Allgemeinheit“ sei, ist Wendebourg klar. Daher plädiert sie nachdrücklich dafür, dass es „nicht nur das eine Reformationsjubiläum“ gebe. Vielmehr stehe das Gedenken der Kirche neben dem der Öffentlichkeit, die an ein bedeutendes Ereignis der deutschen Geschichte erinnert.

Was jedoch kann überhaupt der zunehmend säkular geprägten Gesellschaft inhaltlich vermittelt werden? Exemplarisch stellte Heike Schmoll die Frage nach der heutigen Bedeutung von Luthers Freiheitsschrift. Das Spezifikum seines Freiheitsbegriffs sei – im Unterschied zum modernen – gerade die Bindung an Gottes Wort anstelle einer Betonung von Autonomie, hob Kaufmann hervor. Heute empfänden viele Menschen eher ein Zuviel an Freiheit als ein Zuwenig als Problem. Hier liege in der Freiheitsschrift mit der Idee eines Ja zu Bindungen, um so Freiheit erst zu ermöglichen, ein wichtiges Potenzial.

Zudem richtete der ehemalige Richter des Bundesverfassungsgerichts, Di Fabio, der zurzeit dem wissenschaftlichen Beirat vorsitzt, in seinem abschließenden Beitrag den Blick von der Gegenwart des Reformationsgedenkens in die Zukunft. Die Feierlichkeiten sollten an den „gelungenen Versuch der Erneuerung des Glaubens erinnern“, da gerade in der heutigen Zeit eine neuerliche „Belebung des Glaubens notwendig“ sei.

Schließlich war die Diskussion nicht nur tiefgehend, intellektuell anregend und konstruktiv, sondern auch unterhaltsam, da – wo angebracht – kampfeslustig bis polemisch geführt. Hierzu trug vor allem Thomas Kaufmann bei, der schon mal seinem Kollegen Söding entgegnete: „Dass ihr Katholiken ein Haufen bunte Vögel seid, war mir schon immer klar.“ Man kann sich nur wünschen, dass mehr fachliche Debatten mit so viel Streitfreude und Unverbissenheit geführt würden.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 24/2015.

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