Ein Dach für Leib und Seele

Pfarrer Joachim Lenz wurde im Juni 2014 zum neuen Theologischen Vorstand der Berliner Stadtmission berufen. Er folgt auf Hans-Georg Filker, der nach 25 Jahren Vorstandsarbeit in den Ruhestand ging. Joachim Lenz stammt aus dem Rheinland und arbeitete bisher als Kirchentagspastor beim Deutschen Evangelischen Kirchentag (DEKT). Er ist verheiratet und Vater von vier Kindern. Am 8. März wurde er von Bischof Markus Dröge in seinen Dienst eingeführt. Nach den ersten Wochen im Amt sprach Tilman Asmus Fischer mit dem neuen Direktor der Berliner Stadtmission über erste Einblicke und künftige Herausforderungen seiner Arbeit.

Herr Lenz, „Wir begegnen Menschen“, schreibt die Berliner Stadtmission in ihrem Leitbild – welche Begegnungen waren für Sie in Ihren ersten 100 Tagen als Stadtmissionsdirektor besonders bewegend?

Eine Frau am Alex hat mich bewegt. Wir haben sie nachts um zwei Uhr mit dem Kältebus besucht. Sie wartete dort schon seit vielen Wochen auf ihren Freund. Für unseren Tee und die Worte war sie dankbar, mit in die Notunterkunft wollte sie nicht. Irgendetwas in ihrer Seele sperrte sich. Dann sind da die vielen Begegnungen mit hoch engagierten und kompetenten Frauen und Männern, die sich für andere einsetzen, beruflich und ehrenamtlich. Junge und alte, mit unterschiedlichen Hintergründen. Ich hatte das Privileg, fast alle Einrichtungen der Stadtmission besuchen zu können. Was da, bei oft sehr belastenden Umständen, an Einsatz, Freundlichkeit und Kompetenzen zusammenkommt, finde ich umwerfend.

Gab es auch Momente, in denen Sie daran gezweifelt haben, ob es die richtige Entscheidung war, Ihr neues Amt anzunehmen?

Bevor ich nach Berlin kam, habe ich lange überlegt, ob der Dienst bei der Stadtmission das Richtige für mich ist. Mein Respekt vor der Fülle und Dichte der Arbeitsgebiete ist in den ersten Monaten in Berlin noch gewachsen. Aber nun habe ich in den Gemeinden und Einrichtungen viele großartige Menschen kennengelernt und bin sehr froh, bei dem wunderbaren Projekt Stadtmission mitmachen zu können und das Meine einzubringen.

Was sehen Sie als zentrale Herausforderungen für die Stadtmission und Ihr Amt, wenn Sie auf die Gespräche und Erlebnisse in den letzten Wochen zurückblicken?

Die zentrale Frage ist immer die nach den Prioritäten. Wo müssen wir uns jetzt neu engagieren? Wo sollen wir wie weitermachen? Es gibt viel mehr Aufgaben, als wir abdecken können! Glaubensfreiheit und soziale Probleme werden in Berlin derzeit nicht weniger, sondern mehr. Wie können wir die Botschaft von der freien Gnade Gottes ausrichten an alles Volk? An alles Volk – also an Arme und Reiche, an Bedürftige und Gestaltende, an Müde und an Kreative? Wo sind wir als freies Werk in der EKBO besonders gefordert? Vielleicht, nein ganz sicher, zunehmend in der Flüchtlingsarbeit.

Die Zahl der Flüchtlinge in Deutschland wird voraussichtlich auch in den kommenden Monaten anwachsen. Wie wollen Sie mit der Stadtmission dieser Entwicklung begegnen?

Die Not der Geflüchteten ist groß und ihre Zahl wird noch größer werden. Wir können da nur gemeinsam reagieren und Wege finden, zusammen mit Senat und Bezirksämtern, mit anderen Trägern und den Menschen vor Ort. Mit unseren Projekten haben wir als Stadtmission unsere Erfahrungen einzubringen. Vor mehreren Monaten hat die Stadtmission eine Notunterkunft eröffnet, in der Geflüchtete unterkommen, die ganz neu in Berlin sind. Wir bieten täglich 300 Menschen ein möglichst freundliches Willkommen in unserer Stadt. Viele hundert neue Ehrenamtliche machen das möglich. Wir haben zum Beispiel im organisatorischen Bereich Menschen mit hohen Kompetenzen. Da sehen wir immer wieder auch, woran es mangelt – im Blick auf Begleitung, Beratung, Seelsorge. Da lernen und überlegen wir derzeit, was besser und was neu gemacht werden kann.

Die Stadtmission trägt „Mission“ in ihrem Namen – auch die EKBO will „Kirche mit Mission“ sein. Mission – was heißt das heute? Was heißt das für Sie?

Was Mission heißt und wie das gehen kann, überlege ich auch ständig neu. Klar ist, dass wir eine Mission haben: „Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn“ (Jeremia 29,7) ist das biblische Leitwort der Berliner Stadtmission. Wir wollen die Menschen in unserer Stadt so anschauen, wie Gott sie anschaut: hoffnungsvoll, als von Gott geliebte, gewollte und begabte Menschen. Und wir suchen Gott in einem jeden von ihnen. Denen, die es brauchen, bieten wir ein Dach für Leib und Seele an.
Wir sagen offen, dass wir als Christenmenschen, also in der Nachfolge Jesu, unterwegs sind. So wollen wir gemeinsam mit unserer Kirche Rechenschaft geben von der Hoffnung, die in uns ist.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 24/2015.

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