Öffnung statt Rückzug

Die aktuelle Studie „Religion in der Moderne“ gibt den Kirchen wenig Spielraum, um ihren Bedeutungsverlust abzuwenden

Gegen die Moderne scheinen Kirchen nicht anzukommen: Dass Religion langsam, aber sicher an Bedeutung verliert, sei kaum aufzuhalten, sagt etwa der Religionssoziologe Detlef Pollack und stützt sich dabei auf das umfangreiche Datenmaterial seiner aktuellen Studie „Religion in der Moderne“. Und doch haben Kirchen einen Spielraum, gegen diese Entwicklung anzugehen – wenn es ihnen gelingt, ihre Relevanz für andere Bereiche deutlich zu machen und sich mit nichtreligiösen Akteuren und Interessen zu verbinden.

Von Tilman Asmus Fischer

Hamburg/Münster. Die Zukunftsperspektive, die die gerade erschienene Studie „Religion in der Moderne“ den Kirchen eröffnet, ist nicht rosig. Auf die Frage, was Kirche tun könne, um Bedeutungsrückgang und Gleichgültigkeit der Menschen aufzuhalten, antwortet ihr Autor Detlef Pollack in einem Gespräch mit der Deutschen Presseagentur: „Die Kirchen sind dieser Abwendung der Gläubigen häufig machtlos ausgeliefert.“ Denn nicht theologische Differenzen, sondern schlicht Gleichgültigkeit seien Ursache der Distanz. Hier ließe sich nachfragen, inwiefern sich das Schicksal der Kirche nicht auch in der Zuwendung konfessionsloser Menschen zu Jesus Christus entscheiden könnte.

Aber wer ist überhaupt noch ansprechbar? „Nach Selbstauskunft von Befragten befinden sich in Westdeutschland gerade einmal drei Prozent der Konfessionslosen religiös auf der Suche.“ Eine Perspektive tut sich jedoch auf, wo die Studie über positive Effekte eines gesellschaftlichen Engagements der Kirchen berichtet: „Die Verbindung von religiösen mit kulturellen, politischen, sozialen und nationalen Funktionen kommt der kirchlichen Integrationsfähigkeit zugute.“

Ein solches ‚Hereinragen’ der Kirche in die Gesellschaft sieht der Professor für Religionssoziologie in Münster sowohl im Bereich der Bildung als auch im Falle politischer Einbringung gegeben. Heißt: Wollen Religion und Kirche Relevanz haben, müssen sie sich als relevant für die Mitwelt erweisen. Bei der Dienstleistung Bildung handelt es sich eben um einen Dienst der Kirche an der Gesellschaft, der zu einem gelingenden Leben der Menschen beitragen will.

Wie wichtig es ist, dass Kirche dabei in ihrem Engagement von anderen Akteuren aufgrund ihrer spezifischen Mission unterscheidbar bleibt, macht Pollacks Mahnung mit Blick auf politische Aktivitäten deutlich: „Mischt sich Kirche gesellschaftlich ein, muss das aber mit ihrer Kernkompetenz, zum Beispiel Nächstenliebe, in Verbindung stehen, sonst überzieht die Kirche ihr Konto. Die Gefahr ist immer, dass Kirche sich nur noch im Anpassungsgang an eine individualisierte Gesellschaft befindet und dadurch an Profil verliert. Die Gefahr ist aber auch, dass sie sich über die Gesellschaft stellt. In diesem Spannungsfeld muss sich die Kirche bewähren.“

Wie nun will Kirche im Spannungsfeld der Gesellschaft handeln? Im Interview spricht Pollack von „nur kleinen Stellschrauben“ zur Abfederung des Abwärtstrends. Wie groß oder klein der verbleibende Spielraum ist, wird sich noch zeigen müssen. In jedem Fall wäre ein wichtiger Schluss, die Erkenntnis der Studie zur Gesellschaftsrelevanz von Kirche in Bildung und Politik auf die Ebene der Gemeinden zu übertragen. Welche Kapazitäten haben die Landeskirchen, ein gemeindliches Leben anzuregen, das nicht nur den Bestand sichert und Angebote für Gemeindeglieder schafft, sondern dem „Bau des Reiches Gottes“ in der Welt dient, wie es schon seit Längerem der Missiologe Johannes Reimer fordert?

Wichtig scheint eine offene und breite Verständigung über Auftrag und Sendung innerhalb der Kirche und eine verständliche Vermittlung des so gewonnenen Selbstbildes nach außen zu sein. So neue Energie zu gewinnen, Gemeinden und kirchliche Werke als Transformatoren der Gesellschaft zu verstehen, könnte einen Trend wenden, den die Studie aufzeigt: Schrumpfende Religionsgemeinschaften werden nicht etwa um Mitglieder werbend aktiver, sondern schränken ihre Tätigkeiten ein.

Ein Indikator für die Notwendigkeit einer innerlichen wie äußerlichen Neu-Orientierung sind die immer wieder von Vertretern der Grünen vorgetragenen Überlegungen zum Staats-Kirchen-Verhältnis. In einem unlängst veröffentlichten Aufsatz schreibt Volker Beck: „Heute klafft der tatsächliche Bedarf an religiös geprägten Sozial- und Bildungseinrichtungen, wie er sich näherungsweise am jeweiligen Bevölkerungsanteil ablesen lässt, und der reale Bestand solcher Einrichtungen eklatant auseinander.“ Diese Position müsste Kirche auffordern, deutlich zu machen, dass sich ihr Dienst eben nicht auf die Gläubigen beschränkt, sondern an die ganze Welt richtet. Letztlich, dass Gemeinden vor Ort Gemeinde „für andere“ sind, wie es Reimer formuliert.

Profilierung tut not, sie darf jedoch nicht nur die Gemeinde- und Kirchengestalt betreffen – gerade die Kirche sollte zugleich auf ihr theologisches Profil achten. Welches Welt-, Gottes- und Menschenbild vertritt und bewirbt sie? Zwar sieht die Studie die – noch – große Verbreitung von Gottesvorstellungen in Westeuropa befördert durch ihre zunehmende Abstraktheit. Aber: „Sowohl in den Niederlanden als auch in Westdeutschland ist für Menschen mit einer unbestimmten Gottesvorstellung Religion nach eigenem Bekunden weniger wichtig als für jene, die an einen persönlichen Gott glauben.“ Das persönliche Betroffensein von Glaubensfragen hängt also zentral von einer konkreten Gottesvorstellung ab.

Erschienen in: Evangelische Zeitung 23/2015 (www.evangelische-zeitung.de).

Detlef Pollack, Gergely Rosta (Hrsgg.): Religion in der Moderne. Ein internationaler Vergleich, Frankfurt 2015.

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