Ein Leben für die Gemeinde

Hohe Ansprüche und unterschiedliche Erwartungen führen Gemeindepfarrer nicht selten an die Grenze der Belastbarkeit

In den vergangenen Jahren sind mehrere Bücher – im Deutschen Historischen Museum sogar eine eigene Ausstellung – zu einem ‚typisch protestantischen’ Thema entstanden: dem Pfarrhaus. In der Stadt musste es Zentrum der Gemeinde, auf dem Lande auch der Hort von Wissen und Kultur sein – seine Bewohner eine Familie mit Vorbildcharakter. Die Aufmerksamkeit, die das Thema fand und findet, zeigt, von welcher Bedeutung noch heute solche hergebrachten Institutionen sind. Wie jedoch steht es mit dem Mann bzw. seit dem 20. Jahrhundert der Frau, dem und der das Pfarrhaus seinen Namen verdankt: dem Pastor – oder eben der Pastorin?

Von Tilman Asmus Fischer

Hamburg. Sie sind vielfach im Munde des Kirchenvolks – nicht nur in den besten Tönen: Klagen, dass beim Pfarrer meist nur der Anrufbeantworter erreichbar sei oder die Pfarrerin nicht zu jedem runden Geburtstag komme, sind gerade auch bei jahrzehntelangen Gemeindegliedern zu hören – die nun mit ihren Pastoren vor den Herausforderungen stehen, die Gemeindefusionen und Stellenabbau mit sich bringen.

Eigene Diskussionen bringt das Privatleben der Theologen mit sich: Die Kirchengesetzgebung geht von Landeskirche zu Landeskirche unterschiedlich mit geschiedenen Pfarrern um – und solche in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften werfen immer wieder eigene Fragen auf. Auch wenn vieles problematisiert wird, gerade dies zeigt, dass dem Protestanten ‚sein Pfarrer’ nicht egal ist. Ein guter Grund nachzufragen: Wie steht es mit dem Berufsbild Pfarrer zwischen Nordsee und Oder? Was schätzt ein jahrelanges Gemeindeglied an der Pastorenschaft? Was hingegen eine junge Glaubensschwester? Wie sehen ehemalige Pfarrer ihre heutigen Amtsbrüder? Und nicht zuletzt: Was erwartet der Nachwuchs von seinem künftigen Amt?

„Mehr als unsere Pastorinnen und der neue Vertretungspastor kann man nicht machen“, sagt Manfred Weinhold, Pensionär im Unruhestand, regelmäßiger Kirchgänger, der jedes Vierteljahr 800 Gemeindebriefe in der Nachbarschaft in der Kirchengemeinde Hamburg-Stellingen verteilt: Sie leiten Seniorenkreise – kümmern sich um die Jugend, die Kinder, organisieren Bibelfreizeiten und vieles mehr. Sie gäben alles, um die Menschen zu erreichen, sagt er anerkennend. Ein Gemeindeglied, das seine Pastoren schätzt – laut der letzten EKD-Mitgliederbefragung eine wichtige Voraussetzung für die „Kirchenbindung“. Die Studie spricht gar von einer „pastoralen Schlüsselrolle für die Wahrnehmung der Kirche im Ganzen“. An kaum einen Berufsstand werden derart hohe Erwartungen gerichtet wie an denjenigen der Pastorinnen und Pastoren – eben die Hirten.

Das Feld, auf dem sie die ‚Herde‘ Gemeinde weiden, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten jedoch stark verändert – das sieht auch Pastor Helmut Brauer und hat „Mitgefühl“ mit seinen heute im Dienst befindlichen Amtsbrüdern und -schwestern. Brauer, Vorstandsmitglied des Vereins der Pastorinnen und Pastoren in Nordelbien, das heute in der Nordkirche aufgegangen ist, war bis zu seiner Pensionierung vor über zehn Jahren Pastor in Lübeck. Als er sein Amt antrat, spielte Kirche in der Gesellschaft noch eine andere Rolle: Es sei nicht so schwer gewesen, die Kirchen zu füllen oder Gruppen aufzubauen, berichtet er. Das ist heute anders.

Dass die Gemeindebindung dennoch nicht brüchig wird, erfordert, dass Pastoren halten, was Gemeindeglieder von Ihnen erwarten: Sie sollen gute Liturgen und Seelsorger sein, den Glauben der Gemeinde stärken, sie mit leiten, sich in Diakonie und Gesellschaft engagieren. Mit diesem Reichtum an Aufgabenfeldern und Herausforderungen wirbt die Nordkirche in ihrer Aktion „Die Nachfolger“ (www.die-nachfolger.de) für den Pfarrberuf. Zu den jungen Mitgliedern der Nordkirche, die durch diese Kampagne für ein Theologiestudium gewonnen werden konnten, gehört Clara Zimmermann, Studentin an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Es seien primär Menschen aus christlichen akademisch geprägten Familien, die sich von der Kirche angesprochen fühlen, konnte die Tochter einer Religionslehrerin beobachten. Als zukünftige Gemeindepfarrerin sieht sie sich gerade vor der Herausforderung, milieuübergreifend Menschen für Kirche und Gemeinde zu gewinnen. Hierzu bedarf es manchmal auch neuer liturgischer Formen – dann wird ‚zielgruppenorientiert‘ gearbeitet. Das ist natürlich nicht jedermanns Sache. Sonntägliche Gottesdienste jenseits der traditionellen Form „befürworte ich nicht“, sagt Manfred Weinhold. Jedoch wünscht er sich, dass hiermit tatsächlich auch andere als die 30 Gemeindeglieder erreicht werden, die ohnehin sonntags kämen.

Unterschiedliche Erwartungen in der Gemeinde können zur Last werden. Daher betont „die-nachfolger.de“ das „Recht auf Privatsphäre – auch im Pfarrhaus –“ und die „Verpflichtung, für sich selbst zu sorgen“. Auch Helmut Brauer kennt die hiermit verbundenen Spannungen aus seiner Dienstzeit – damals jedoch habe Gemeindepastor zu sein geheißen: „Leben, um für die Gemeinde da zu sein.“ Bei seinen jungen Kollegen bemerkt er eine gewandelte Einstellung: Man diskutiere über die Residenzpflicht und den Sonntag als Arbeitstag und die Anzahl der Wochenstunden. Von daher mag das Funktionspfarramt mit klarer zu regelnden Arbeitszeiten und Abgrenzungen vielen attraktiver erscheinen als das Gemeindepfarramt.

Gewandelt haben sich jedoch auch die Rahmenbedingungen: Hierzu gehört die vermehrte Schaffung ‚halber‘ Pfarrstellen, die für Brauer oft ein „ganzer Unsinn“ sind – schließlich ließe sich der Mehraufwand einer Pfarrstelle, die mit Gemeindeleitung und Residenzpflicht einherginge, nicht in eine halbe Stelle pferchen. Arbeitsüberlastung durch Reduktion der Pfarrstellen sei vorprogrammiert, sagt Brauer. Zudem habe das EKD-Impulspapier „Kirche der Freiheit“ zu einem erhöhten ökonomischen Druck und Denken geführt – mehr als damals seien Gemeinden und Pfarrer heute aufgefordert, über Geld zu diskutieren und „sich zu bescheiden“.

Was es bedeuten kann, Pastor in einer lebendigen Gemeinde zu sein, konnte Clara Zimmermann während eines studienvorbereitenden Praktikums auf Hiddensee erfahren. Sie stellt es sich angenehm vor, als Pfarrerin in die örtliche Gemeinschaft „stark integriert“ zu sein – diejenige zu sein, „deren Rat gehört wird“. Und das, obwohl sie den damit verbundenen Druck erahnt, „zu allem eine Antwort haben zu müssen“. Pastoren sind wichtige Bezugspersonen, manchmal wichtiger als die Landeskirche. Manfred Weinhold ist sie – und vor allem die EKD – „zu politisch“. Oft hadere er mit der Institution, doch austreten würde er nicht – eben wegen seiner Gemeinde und ihren Pastoren.

Mittlerweile, so beobachtet Brauer, sei Burnout auch in der Pfarrerschaft zu einer Berufskrankheit geworden. Als Grund vermutet er gar nicht einmal primär die Arbeitsbelastung, sondern ein „Defizitgefühl“: Trotz aller Anstrengungen entwickeln sich die Gemeinden nicht so, wie man selbst und die Landeskirchen es erwarten. Daher rät Brauer seinen heutigen Kollegen, Gemeinde nicht nur als „Ort der Selbstverwirklichung“ zu begreifen – es laufe eben nicht alles so, wie der Pastor es will – und verstärkt mit den Wünschen und vorhandenen Talenten der konkreten Gemeinde zu arbeiten. Brauers Rat: Gemeinde in erster Linie als Ort einer Gemeinschaft aufzufassen, in der „die Liebe Gottes spürbar und erfahrbar ist“ – in Wort und Tat. Es lohne sich, der Wirksamkeit des Wortes Gottes mehr zuzutrauen. Das mache gelassener.

So ähnlich hört es sich an, wenn Clara Zimmermann über ihre Vorstellung von ihren zukünftigen Aufgaben spricht – gerade als Dienst im Osten der Nordkirche: Dann ist die Rede davon, den kleinen Gemeinden Rückhalt zu geben, für Vereinsamte auf dem Land da zu sein und ihnen Hoffnung zu schenken. Aber auch davon, sich politisch zu engagieren, etwa wenn gegen Ausländer gehetzt wird.

Das Pastorenamt, so scheint es, wird eine Konstante der Kirche vor Ort bleiben – und zwar sowohl in der Wahrnehmung durch Kirchgänger und Umwelt als auch aus der Innenperspektive der haupt- und ehrenamtlichen Träger des kirchlichen Lebens.

Hierfür spricht nicht nur das anhaltende Prestige, das Pastoren genießen, sondern ebenso ein verantwortungsbewusstes Selbstverständnis, wie Clara Zimmermann es vertritt. Das Fortbestehen dieser Konstante darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Rahmenbedingungen, unter denen Pastoren heute Pastoren sind, entscheidend verändert haben. Und daher werden sie nicht schnell – vielleicht nie – zu einem Ende kommen: Die Diskussionen über Arbeitsbedingungen der Gemeindehirten, über Qualität und Zahl der Gottesdienste und gemeindlichen Angebote – und natürlich über ihre Vorbildfunktion.

Ob der Pastor nun zwingend im Pfarrhaus residieren muss – unter Umständen auch noch mit seinem Lebensgefährten. Diese Fragen sind im Einzelfall akut – bedürfen aber einer besonnenen Antwort. Denn diese könnte Auswirkungen über den Einzelfall hinaus haben: Für Gemeinde, Kirchenkreis, Landeskirche, Kirchenbund.

Erschienen in: Evangelische Zeitung 21/2015 (www.evangelische-zeitung.de).

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