„Wir ließen uns nicht spalten“

Friedrich Winter war Pfarrer und lehrte Theologie in der DDR. Er war Propst in der Ostregion der Berlin-Brandenburgischen Landeskirche und Präsident der Kirchenkanzlei der Evangelischen Kirche der Union (Ost). Jüngst erschien seine Autobiografie „Weg hast du allerwegen“ über sein Leben als Theologe im Osten Deutschlands. Im Interview spricht Friedrich Winter mit Tilman Asmus Fischer über Herausforderungen und Entwicklungen der Kirchen in der DDR

Herr Winter, 2015 erinnert sich Europa an das Kriegsende vor 70 Jahren. Wie erlebten Sie den Sommer 1945?

Im Mai 1945 befand ich mich nach einer Verwundung in Westpreußen auf einer Bewegung von Ost nach West, die mich in ein Lazarett in Schleswig Holstein führte. Die dortige Kapitulationsarmee verwaltete sich selbst. Alle paar Wochen nur kam ein englischer Offizier, der nachsah, ob wir noch da waren. Von dort aus nach der Entlassung in die sowjetische Zone zurückzukehren, war schwierig. Daher kam ich zu einer Tante in Soest, wo ich fast ein Jahr lang die westfälische Landwirtschaft kennenlernte.

War es für Sie damals oder später eine Option, im Westen zu bleiben oder in den Westen zu gehen?

Nein, niemals. Ich lebte bereits vor dem Krieg in Vorpommern und wollte Pfarrer im Osten werden. Daher nahm ich, als mir mein Vater mitteilte, dass sich die Verhältnisse geklärt hätten, in Greifswald das Studium der Theologie auf. Später hatte ich als Propst der Berlin-Brandenburgischen Kirche mit Pfarrern zu tun, die in den Westen ausreisen wollten. Ich habe versucht, deutlichzu machen, wie wichtig es ist, für die Gemeinden da zu sein. Zumal wir ständig unter Pfarrermangel litten.

Was bedeutete es damals, sich als Pfarrer in der DDR einzurichten?

Anfangs hatte ich es 1951 bis 1954 als Gemeindepfarrer nahe dem Aufrüstungsgebiet Torgelow noch mit volkskirchlichen Strukturen zu tun. Hochrangige Parteigenossen waren zwar aus der Kirche ausgetreten. Aber zu meinem Erstaunen ließen sich Offiziere der Nationalen Volksarmee kirchlich trauen. Erst ab der Zweiten Parteikonferenz der SED 1952 versuchte man vehement, gegen die Kirche, ihre Diakonie und kirchliche Jugendarbeit, vorzugehen.

Wie bekamen Sie dies als Greifswalder Studentenpfarrer von 1954 bis 1960 zu spüren?

Man versuchte, einzelne christliche Studenten zu exmatrikulieren; etwa meine spätere Ehefrau, die sich nicht davon abhalten ließ, sichtbar das Zeichen der Studentengemeinde, nämlich das Kreuz auf der Weltkugel, zu tragen. Andere Studenten versuchte man als geheime Mitarbeiter für die Staatssicherheit zu werben. Wenn sie sich mir offenbarten, wurde ihre Werbung sinnlos. Ich selbst war in den Augen der Staatssicherheit darum ein Störenfried. Das geht auch aus meiner über 300 Seiten dicken Stasi-Akte dieser Jahre hervor. Nach meiner Arbeit in der Studentengemeinde ging ich in den Gemeindedienst zurück und lehrte ab 1964 am Berliner Sprachenkonvikt Praktische Theologie.

In dieser Zeit entstand ein Buch, das vier Jahre bis zur Veröffentlichung brauchte: „Seelsorge an Sterbenden und Trauernden“. Was hatte es hiermit auf sich?

Es war nach 1968 das erste Buch in der DDR, das sich mit dem Thema Tod auseinandersetzte. Dieses war seit dem Prager Frühling mit einem Tabu belegt. Nun wurde es das erste Mal wieder mit dem Blick auf den gesamten Menschen bearbeitet. Dies nutzten viele Nicht-Theologen, um ihre eigenen Gedanken zu veröffentlichen, da sie sagen konnten: Wenn sich schon die Theologen damit beschäftigen, müssen wir das auch. So wurde das Thema enttabuisiert. Dass das Erscheinen vier Jahre dauerte, zeigt, dass hinter den Kulissen diskutiert wurde: Darf das erscheinen? Von einem Christen?

Als Propst von 1973 bis 1986 haben Sie theologische Impulse gesetzt und auch die Kontakte in den Westen gepflegt. Wie ging das vor sich?

Alle acht Tage kam ein Kurier aus West-Berlin. Dieser berichtete in unseren Kirchenleitungssitzungen aus der West-Berliner Kirchenleitung und nahm wiederum Informationen aus unseren Sitzungen mit in den Westen. Alles ohne Notizen, falls er durchsucht wurde. Das machte die Grenzpolizei nur selten, um sich in Erinnerung zu bringen. Letztlich hat sie unser dichtes Informationsnetz toleriert. Wir ließen uns nicht spalten.

Das Ende der Teilung erlebten Sie als Präsident der EKU-Ost (Anhalt, Berlin-Brandenburg, Görlitz, Greifswald und Magdeburg). Woran denken Sie, wenn Sie sich an diese Zeit erinnern?

Vor 1990 kamen wir in Ost-Berlin monatlich mit den Partnern der EKU-West (Rheinland, Westfalen, West-Berlin) zusammen. Es gab zur Zeit der Teilung kaum ein Gremium, in dem die Ost-West-Beziehungen stärker gepflegt wurden. Nach 1990 konnten wir in aller Ruhe miteinander die gemeinsame Zukunft planen. Daher verlief der erneute Zusammenschluss auch glatter und ruhiger als auf der Ebene der EKD.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 19/2015.

Die Autobiografie ist im Wichern-Verlag erschienen. Friedrich Winter: „Weg hast du allerwegen“. Mein Leben als Theologe im Osten Deutschlands. Berlin 2015.

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