„Offiziell gab es die Opfer nicht“

Der frühere Superintendent Eckhard Fichtmüller ist Vorsitzender der Initiativgruppe Internierungslager Ketschendorf. Mit Tilman Asmus Fischer sprach er über die lange, erfolgreiche Aufarbeitung des Schicksals von über 4.700 Todesopfern des ersten sowjetischen Speziallagers in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ).

Herr Fichtmüller, am 29. April haben Sie an der Gedenkveranstaltung auf dem Waldfriedhof in Halbe teilgenommen – wie haben Sie die Veranstaltung erlebt?

Es war eine würdige Feier, die dem Anlass gerecht wurde. Erinnert wurde an die Kesselschlacht von Halbe, die kurz vor Kriegsende Tausenden von Soldaten und Zivilisten vieler Nationalitäten das Leben kostete. Nach dem Gottesdienst fand die Einbettung von 120 im vergangenen Jahr im Umland aufgefundenen Kriegstoten statt. Auch Vertreter der ehemaligen Kriegsgegner nahmen an dem Gedenken teil, das daran erinnerte, dass der von Deutschland ausgegangene Krieg vielen Völkern Tod und unbeschreibliches Elend brachte und auf allen Seiten Opfer kostete.

Zu diesen Opfern gehören auch die über 4.700 Toten aus dem Sowjetischen Speziallager Nr. 5 Ketschendorf/Fürstenwalde. Ihre große Mehrheit – diejenigen, die man ausfindig machen konnte – liegen ebenfalls in Halbe. Wie kam es dazu?

Dies ist Pfarrer Ernst Teichmann zu verdanken, der nach dem Krieg in Halbe die Initiative ergriff, einen Friedhof für Kriegsopfer zu schaffen. Bis 1990 war nicht ersichtlich, dass hier auch die Opfer des Internierungslagers eine Ruhestätte gefunden hatten. In Ketschendorf hatte die sowjetische Besatzungsmacht schon Ende April 1945 in der Arbeiterwohnsiedlung der Deutschen Kabelwerke ein Internierungslager eingerichtet, das erste in der späteren SBZ. Bis zu 10.000 Menschen wurden in der für etwa 550 Bewohner angelegten Siedlung eingepfercht. Die Toten wurden auf einer freien Fläche nahe der Autobahn in Massengräbern verscharrt. Als das Lagergelände 1947 an die deutschen Behörden übergeben wurde, beseitigte man alle äußerlich sichtbaren Spuren…

… bis bei Bauarbeiten 1952/53 die sterblichen Überreste gefunden wurden. Was geschah dann?

Pfarrer Teichmann erfuhr hiervon und sorgte für die Beisetzung in Halbe. Bis 1990 war an den Gräbern jedoch nichts von Ketschendorf zu lesen – offiziell gab es das Lager und seine Opfer nicht. Auf den Steinen stand: „Unbekannt † April 1945“. Nach der Friedlichen Revolution formierte sich aus Überlebenden des Lagers unsere „Initiativgruppe“, die mit Unterstützern – unter anderem unserer kirchlichen Gruppe – am örtlichen Runden Tisch eine erste Gedenkveranstaltung für den 8. Mai 1990 durchsetzte. Seitdem findet sie jährlich statt.

Inzwischen ist im Wichern-Verlag das „Totenbuch Sowjetisches Speziallager Nr. 5“ erschienen, das von Ihrer Initiativgruppe herausgegeben wurde. Wie entstand die Idee zu diesem Vorhaben?

Immer wieder erreichten unseren Verein Anfragen von Menschen, die verschollene Angehörige suchten. Sie vermuteten, dass sie unter den Ketschendorfer Opfern sein könnten. Als erstes sowjetisches Lager in der SBZ deckte es zunächst einen großen Einzugsbereich ab. Unter den Internierten waren Kinder und Jugendliche, Männer und Frauen aus ganz Ostdeutschland. In den vergangenen Jahren sind übrigens für fast alle ehemaligen Internierungslager solche Totenbücher entstanden, in denen die Namen der Opfer genannt werden.

Was waren die wissenschaftlichen Herausforderungen, vor denen Sie bei der Erstellung des Totenbuches standen?

Grundlage für die Arbeit waren die Lagerjournale und Listen, die in den 1990er Jahren von der Russischen Föderation an Deutschland übergeben wurden, und die umfangreiche Datensammlung des Suchdienstes des Deutschen Roten Kreuzes in München. Manche Angaben in den russischen Unterlagen waren fehlerhaft oder unvollständig. Auch die Übertragung der Namen ins Russische und die Rückübertragung ins Deutsche führte zu Fehlern. Unser Anliegen war es, die Toten im Totenbuch wie auf einer kleinen Grabtafel mit Namen, Vornamen, Geburtsdatum und Geburtsort, letztem Wohnort und Sterbedatum zu verzeichnen

Das klingt nach viel Arbeit – wie konnte dieses Vorhaben finanziell gestemmt werden?

Die Hauptarbeit für das Totenbuch wurde in enger Zusammenarbeit mit unserer Initiativgruppe von dem Historiker Andreas Weigelt geleistet, dem wir ebenso wie Berthold Weidner für die Gestaltung des Buches und dem Wichern-Verlag für die Herausgabe sehr dankbar sind. Ohne die Förderung des Projektes durch die Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur und die Spenden unserer Mitglieder und Freunde wäre uns die Herausgabe des Totenbuches allerdings nicht möglich gewesen. Nun hoffen wir, dass das Totenbuch dazu beiträgt, die Erinnerung an das Lager Ketschendorf und seine Opfer wachzuhalten. Zugleich soll es, wie die Gräber auf dem Waldfriedhof in Halbe, eine bleibende Mahnung sein zu Frieden und Versöhnung.

Totenbuch Sowjetisches Spezial lager Nr. 5: Ketschendorf/Fürstenwalde 1945 bis 1947, herausgegeben von der Initiativgruppe Internierungslager Ketschendorf/Speziallager Nr. 5 e.V., Wichern Verlag 2014, gebunden, 24,95 Euro

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 19/2015.

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