Den Genozid beim Namen nennen

Der Völkermord am armenischen Volk und die Rolle des Deutschen Reichs sind noch nach 100 Jahren ein Diskussionsthema

Von Tilman Asmus Fischer

Es ist wenige Tage vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Adolf Hitler spricht auf dem Obersalzberg zu den Oberbefehlshabern der Wehrmacht. Erbarmungslos will er im Osten vorgehen: „So habe ich, einstweilen nur im Osten, meine Totenkopfverbände bereitgestellt mit dem Befehl, unbarmherzig und mitleidslos Mann, Weib und Kind polnischer Abstammung und Sprache in den Tod zu schicken. Nur so gewinnen wir den Lebensraum, den wir brauchen. Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?“

Dieses Beispiel verweist auf den engen Zusammenhang, der zwischen dem Vergessen begangener und dem Begehen neuer Völkerrechtsverletzungen besteht. Zum Glück behielt Hitler in seinem Fall nicht recht: Die auf seinen Befehl hin begangenen Verbrechen sind nicht dem Vergessen anheim gefallen. Aber nichtsdestotrotz fehlen bis heute Schuldeingeständnis und Entschädigung durch die Türkei als Nachfolger des Osmanischen Reichs, das sich vor 100 Jahren weitestgehend seiner christlichen Minderheit entledigte. Und wer weiß – womöglich ermutigt dies manche, die als „Islamischer Staat“ heute ähnlichen Bestrebungen folgen, denn wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?

Diese Frage ist somit von neuerlicher Aktualität – und dafür, wie sie zu beantworten ist, trägt Deutschland eine nicht geringe Mitverantwortung. Immerhin kämpften das Deutsche und das Osmanische Reich ab 1914 Seite an Seite – und waren deutsche Militärs und Politiker wohl informiert über die Vorgänge im Land des Waffenbruders. Und bisweilen ging die Beteiligung über Mitwisserschaft hinaus.

Was aber heißt es, dieser deutschen Verantwortung gerecht zu werden? In diesem Fall dürfte es weniger um Fragen einer Kollektivschuld oder materieller Entschädigungsansprüche gehen. Vielmehr geht es um die historische Wahrheit – und das Recht der Armenier auf die offizielle Anerkennung des an ihnen begangenen Verbrechens. Zeugnisse dieser bitteren Wahrheit liegen in bundesdeutschen Archiven. Eindrucksvoll dokumentiert hat ihre Inhalte in Auszügen 2010 der preisgekrönte Dokumentarfilm „Aghet – Ein Völkermord“ von Eric Friedler. Zur Sprache kam die deutsche Beteiligung an den Vorfällen auch in diesem Jahr bei einer Gedenkveranstaltung im Berliner Abgeordnetenhaus am 26. Februar und einer internationalen Konferenz des Deutschen Historischen Museums und des Lepsiushauses Potsdam vom 1. bis 3. März.

Fünf Jahre zuvor hatte der Bundestag unter Beteiligung aller Fraktionen einen Antrag beschlossen, der in der Sache den Völkermord beschreibt, den Begriff jedoch vermeidet: „Erinnerung und Gedenken an die Vertreibungen und Massaker an den Armeniern 1915 – Deutschland muss zur Versöhnung zwischen Türken und Armeniern beitragen“. Seitdem ist einiges geschehen in Sachen Aufarbeitung und Dokumentation. Allen voran ist hier die finanzielle Förderung des Lepsiushauses in Potsdam zu nennen. Der Theologe Johannes Lepsius prangerte schon während des Ersten Weltkrieges im Deutschen Reich den Völkermord an den Armeniern an und trug wesentlich zu seiner Dokumentation bei. Seinem Erbe verpflichtet, erforscht das Institut die Geschichte dieser Gewaltverbrechen und leistet politische Bildungsarbeit.

Doch finanziert die Bundesregierung auch einzelne Veranstaltungsformate und Publikationsprojekte. Zu nennen wären etwa „Die Armenierfrage in der Türkei“ von Sibylle Thelen, erschienen in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung oder die Konferenz „Not All Quiet on the Ottoman Fronts, Neglected Perspectives on a Global War“, die 2014 in Istanbul stattfand. Solche stetigen erinnerungspolitischen Interventionen mögen dazu beigetragen haben, dass der türkische Präsident Erdogan inzwischen sogar sein Bedauern über armenische Weltkriegsopfer zum Ausdruck gebracht hat. Seine Erklärung wurde jedoch, etwa bei der Gedenkveranstaltung im Berliner Abgeordnetenhaus, als „vergiftet“ bezeichnet, berichtet der Theologe und Ostkirchenexperte Manfred Richter: „Zu recht, da sie den Armeniern eine gleiche Schuld an Morden an der türkischen Bevölkerung unterstellen will, um damit alles in einen Einheitsbrei von Kriegschaos zu versenken, für das anscheinend die osmanische Regierung keine besondere Verantwortung getragen hätte.“ Genau diese Perspektive oktroyiert die türkische Regierung millionenfach ihren Bürgern – schon in Schulbüchern.

Auf eine offizielle Anerkennung als Völkermord scheint die Bundesregierung nicht offensiv hinwirken zu wollen. Die Rolle, in der sie sich selbst sieht, wurde Anfang 2015 neuerlich in einer Antwort auf eine Anfrage der Linkspartei deutlich.

Dabei treten vier neuralgische Punkte deutlich hervor: Erstens betont die Bundesregierung, die „weitere Erforschung und Bewertung der Massaker und Vertreibungen von 1915/16, einschließlich der Rolle des Deutschen Reiches, durch unabhängige Historiker“ zu unterstützen – zu einer eigenen Einschätzung oder gar Bewertung der deutschen Mitverantwortung aufgrund des aktuellen Forschungsstandes ringt sie sich nicht durch.

Zweitens reduziert sie ihre eigene Aufgabe darauf, den Aussöhnungsprozess zwischen Türken und Armeniern begleiten und fördern zu wollen – sie zieht sich also auf die Position eines Moderators zurück.

Drittens hängt dies mit einer folgenschweren Einschätzung zusammen: Die Rede ist stets von den „beiden betroffenen Länder Türkei und Armenien“ – ganz offensichtlich ist man nicht bereit, auszubuchstabieren, was es bedeutet, dass Deutschland ebenfalls in den Völkermord verwickelt ist.

Viertens argumentiert die Bundesregierung mit einem simplen völkerrechtlichen Argument, um den Völkermord nicht als solchen bezeichnen zu müssen: Sie zieht sich darauf zurück, „dass die Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes vom 9. Dezember 1948 am 12. Januar 1951 in Kraft getreten ist. Für die Bundesrepublik Deutschland ist sie seit dem 22. Februar 1955 in Kraft. Sie gilt nicht rückwirkend.“ Es ist – auch mit Blick auf im Zweiten Weltkrieg begangene und damit ebenfalls von deutschem Boden ausgegangene Verbrechen – fraglich, welche Konsequenzen es hat, die Bewertung historischer Verwerfungen an das Inkrafttreten völkerrechtlicher Übereinkünfte zu binden.

Bei aller Kritik, die deswegen gegenüber der Bundesregierung laut wird, muss die heute betriebene Erinnerungspolitik natürlich in ihrem gesamtpolitischen Kontext gesehen werden: Auch heute müssen orientalische Christen wieder um ihr Leben fürchten. Dies zeitigt außenpolitische Sachzwänge, zu denen es gehört, die Zusammenarbeit mit dem NATO-Bündnispartner Türkei nicht über die Maße zu belasten. Genau dies könnte unter Umständen durch drei Dinge geschehen: Eine Anerkennung des Völkermordes, offizielle Gedenkfeiern zum 100. Jahrestag seines Beginns und durch verstärkte Eigeninitiative bei der öffentlichen Dokumentation der Verbrechen anhand deutscher Akten. Damit wiederholt sich in gewisser Weise das Dilemma von 1915 – wieder stehen moralische Erwägungen und außenpolitische Strategien im Konflikt zueinander. Und wieder scheint dieser Konflikt zu Lasten der Armenier auszugehen.

Dies gilt es zu berücksichtigen, wenn man sich ein Bild vom Handeln der Bundesregierung macht. Gerade vor diesem Hintergrund können Kirchen und Christen als Staatsbürger jedoch Aufrichtigkeit zeigen und die Bundesregierung ermuntern, dennoch der historischen Verantwortung gegenüber den armenischen Glaubensgeschwistern gerecht zu werden. Dies tut etwa die Präses der EKD-Synode, Irmgard Schwaetzer, in einem Artikel im aktuellen „Chrismon“: „Der gewollte Tod der Armenier war Völkermord. Die Mitschuld des Deutschen Reiches muss klar benannt werden. Wenigstens dies schulden wir den Kindern und Enkeln der überlebenden Armenier.“

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 16/2015.

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