„Für uns gestorben“ – was heißt das?

Der neue Grundlagentext der EKD ringt um ein zeitgemäßes Verständnis der Kreuzigung Jesu

Der Tod Jesu am Kreuz ist mehr und mehr erklärungsbedürftig. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat die Fragen aufgenommen und eine zukunftsweisende Glaubens-Orientierung geschrieben.

Von Tilman Asmus Fischer

Berlin. „Jahrzehntelang wurde der EKD vorgeworfen, in ihren Stellungnahmen zu wenig theologisch gewesen zu sein, zu stark allgemeinpolitisch oder sozialpolitisch argumentiert zu haben.“ Mit diesen Worten verteidigte der Berliner Kirchenhistoriker Christoph Markschies – auch Vorsitzender der EKD-Kammer für Theologie – den im vergangenen Jahr unter seiner Leitung erarbeiteten EKD-Grundlagentext „Rechtfertigung und Freiheit“.

Nun ist ein weiterer, ebenso theologischer Grundlagentext entstanden: „Für uns gestorben. Die Bedeutung von Leiden und Sterben Jesu Christi“ (wir berichteten in Ausgabe 13). Die Schrift ist ein Beleg, dass Kirche auch ohne Politik überzeugen kann. Dies gelingt, da die Verfasser immer wieder die persönliche Bedeutung dessen herausstellen, was „für uns gestorben“ jedem Christen bedeuten kann: „Sich neu begreifen können – vor Gott, vor den anderen und vor sich selbst –, das ist es, was dem an Jesus Christus Glaubenden zuwächst.“

Die Verfasser wissen um das Erklärungsbedürfnis, das dem Tod Jesu Christi in der heutigen Welt zukommt. Die Diagnose gravierender Mentalitätswandlungen ist eindeutig. Dies betrifft nicht nur Menschen, die keine Verantwortung vor Gott und nicht Gottes Erwartungen an ihr Leben empfinden. Daneben machen gläubige Menschen Gott „teilweise zu schnell zu einer Bestätigung des eigenen Selbst – nach dem vereinfachenden Motto ‚Gott liebt dich so, wie du bist‘“.

Vor diesem Hintergrund greifen die Autoren zentrale Verständnisfragen auf, anhand derer sie wichtige Klärungen entfalten. Wie etwa ist der Begriff der „Sühne“ zu verstehen? Der Grundlagentext erklärt sie als „heilvolle Wiederherstellung der Gemeinschaft und die Neueröffnung der Gottesbeziehung“. So als „Gabe des neuen Lebens“ statt als „Strafleiden“ verstanden, erhalten lange stillschweigend als bekannt vorausgesetzte und vielleicht gerade deshalb irritierende Begriffe für Christen erneuten Sinn. Dabei nimmt die Kammer für Theologie keine theologische ‚Entrümpelung‘ vor, die den Sinn des Kreuzgeschehens derart simplifizieren würde, dass eine ‚Wellnessreligion‘ am Ende stünde.

Vielmehr wird deutlich, dass Christen mit Blick auf das Kreuz auch in Zukunft nicht etwa um die Stellvertretung herumkommen: Gott „hat an unserer Stelle in Jesus Christus unser verwirktes, dem Tod verfallenes Leben bis in die tiefsten Tiefen unseres Elends hinein ausgehalten, um uns sein unvergängliches Leben zu schenken. Er hat mit uns getauscht: Er ist für uns gestorben, damit wir leben können.“ Mit solch klaren Worten ist eine tatsächliche Orientierungshilfe entstanden.

Denn es handelt sich um mehr als eine wissenschaftlich fundierte Handreichung für interessierte Laien. Wenn dieser Text intensive Verbreitung findet, hat er das Potenzial, für die EKD ein identitätsstiftendes Dokument zu werden: Wie der Text deutlich macht, dass das Kreuzesgeschehen jeden einzelnen Christen adressiert, gibt er zugleich Anhalt, was ‚das Christliche‘, was christliche Identität ausmacht: „‚In Christus‘– durch seine Stellvertretung und in seiner Gemeinschaft – haben die Gläubigen jetzt schon teil an seinem Leben (Römer 6, 4ff.; Galater 2, 20) und sind in ihm schon jetzt ein Teil der ‚neuen Schöpfung‘ (2. Korinther 5, 17). In Christus werden sie durch ihr leibliches Sterben die von ihm eröffnete Gemeinschaft nicht verlieren, sondern in ihrer Auferstehung teilhaben an Gottes ewigem Leben (1. Thessalonicher 4, 14; Römer 8, 11; 14, 7-9).“

Was ist mit der neu gewonnenen Orientierung anzufangen? Auch wenn die Schrift vor allem biblische Grundlagen, theologische Konzeptionen und Frömmigkeitsgeschichte darstellt – immer wieder finden sich Hinweise, was das Kreuz als Auftrag für die Kirche bedeutet: So wird ersichtlich, dass verstärkt Anstrengungen darauf zu verwenden sind, den Zeitgenossen die reformatorische „Wiederentdeckung des Evangeliums“ plausibel zu machen. Desgleichen weckt der Grundlagentext Interesse an historischen Frömmigkeitsformen, die für das Glaubensleben fruchtbar gemacht werden können.

Die klaren Worte, mit denen die Kammer für Theologie hier das Bewusstsein für christlich-protestantische Theologie schärft, brauchen jedoch nicht diejenigen zu ängstigen, die sich für Ökumene und interreligiösen Dialog engagieren. Auch wenn Differenzen klar benannt werden – zugleich werden doch auch Brücken geschlagen: Zum Judentum durch die sensible Einbettung der neutestamentlichen Theologie in ihren alttestamentlichen Kontext; zum Katholizismus durch eine kritische Würdigung der Satisfaktionslehre des Anselm von Canterbury. Das Gleiche gilt für den innerprotestantischen Dialog über das Kreuz, der vielleicht durch den Grundlagentext eine neue Belebung findet. Ebenso kommen Beiträge aus der dialektischen Theologie und von Schleiermacher zur Sprache.

Dieses vielfältige Konzert an theologischen und philosophischen Stimmen macht deutlich: Auch wenn in Zukunft klassische Konzeptionen von Sühne und Stellvertretung Grundlage protestantischer Kreuzestheologie sein werden – um zu erfassen, was das Kreuz für uns heute bedeutet, können unterschiedliche Perspektiven hilfreich sein.

Erschienen in: Evangelische Zeitung 16/2015 (www.evangelische-zeitung.de).

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