Der größte Jazzclub Berlins

In der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche feiern Theologen und Jazz-Musiker zusammen Gottesdienst

Psalmtöne – der Brockhaus definiert sie als „die dem System der Kirchentonarten untergeordneten Melodiemodelle, die im Vortrag den jeweiligen Psalmtexten angepasst werden“ – kennt man aus gregorianisch angehauchten Liturgien. Sie verleihen Texten des Alten Testaments Klang, in einer dem regelmäßigen Gottesdienstbesucher vertrauten Weise. Der ist heute jedoch in der Minderheit – hierfür müssen wir keine Statistiken bemühen. Vielleicht braucht es heute ‚neue‘ Psalmtöne, um das Gotteswort zum Klingen zu bringen.

Dies tut – mit Erfolg – bereits seit drei Jahren die Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, die für ihr breites kirchenmusikalisches Angebot – vor allem auch im klassischen Bereich – bekannt ist. „Psalmton“ heißt die monatlich, jeden zweiten Sonntag, stattfindende Reihe von Abendgottesdiensten, die durch renommierte Berliner Jazz-Musiker wie etwa die Saxophonisten Birgitta Flick und Uwe Steinmetz gestaltet wird. Natürlich geht es nicht um eine Neuvertonung der Psalmen – jedoch um eine intensive kreative Auseinandersetzung mit je einem Psalm pro Gottesdienst in musikalischen Improvisationen und Predigt, zusammengehalten durch eine schmale Liturgie.

Bereits vor sechs Jahren startete die Gemeinde mit den wöchentlichen Sommerkonzerten „IN SPIRIT“, die sich großer Beliebtheit bei Einwohnern und Besuchern der Stadt erfreuen. Aus der Zusammenarbeit mit den Musikern, die ansonsten, wie etwa der Komponist und Saxophonist Uwe Steinmetz, auch über Deutschland hinausgehende Engagements haben, ergab sich der Gedanke, mit „Psalmton“ Gottesdienste anzubieten, die ein Publikum ansprechen, das nicht mehr in den klassischen Sonntagsgottesdienst findet, sich jedoch von Jazz- und Popularmusik angesprochen fühlt. Und das Konzept geht auf: An die 200 Besucher zählen die „Psalmton“-Gottesdienste, die von Kirchenmusikdirektor Helmut Hoeft organisiert werden.

Fast könne man bei solchen Besucherzahlen die Gedächtnis-Kirche als „größten Jazzclub Berlins“ bezeichnen, meint Pfarrerin Cornelia Kulawik. Doch genau das wolle sie nicht sein, betont sie – denn: Im Zentrum steht der Verkündigungsauftrag. Und das bedeutet, dass an Predigt und theologischen Inhalt dieselben Qualitätsansprüche gestellt werden wie an die musikalische Gestaltung. Auch die Gottesdienstbesucher wissen den geistlichen Aspekt von „Psalmton“ zu würdigen. So berichtet Hoeft, dass den Teilnehmern die zum festen Programm gehörige Kerzenmeditation ganz besonders wichtig sei. Vor einem klassischen Fürbittengebet, das die Gedanken des Psalms aufnimmt, haben die Besucher die Möglichkeit, während einer Improvisation vor den Altar zu treten und beim Entzünden einer Kerze ihre persönlichen Bitten vor Gott zu bringen. Während der abschließenden Fürbitte wird ein modernes „Kyrie“ von Manfred Staiger gesungen.

Das sich nun schon drei Jahre bewährende ‚Experiment‘ der Gedächtnis-Kirche scheint auf dem Weg der Musik die Menschen in ihren individuellen Fragen und Empfindungen anzusprechen – und, anders als andere Modernisierungsversuche, dennoch theologische Standards zu wahren. Hoeft hofft, in Zukunft noch mehr „Menschen zu gewinnen, die über die Musik kommen“.

Tilman Asmus Fischer

In ähnlicher Form erschienen in: Kultur in Kirchen 2/2015.

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