Zerschnittener Rock

Zur Diskussion von Propst Siegfried Kasparick mit Berliner Ökumenikern über „Chancen eines Reformationsgedenkens“

Von Tilman Asmus Fischer

Wenn es nach Propst Siegfried Kasparik geht, sollen die Christen 2017 „miteinander gut evangelisch, gut katholisch und gut orthodox sein“. Also: am Evangelium orientiert, nicht provinziell und vereint im rechten Lob. Diese und andere Thesen diskutierte der Beauftragte der mitteldeutschen Landesbischöfin für Reformation und Ökumene am 28. Februar in Berlin. Anlass war das Jahrestreffen der Ökumenebeauftragten der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und des Erzbistums Berlin – 2015 zum Thema „Ökumenische Chancen eines Reformationsgedenkens“.

Woran aber soll 2017 erinnert werden? Manche Katholiken verwenden das Bild des „zerschnittenen Rocks“ für die Spaltung des Christentums, einige Protestanten empfinden das Jubiläum als „Betriebsgeburtstag“ – andere wiederum würden eher an die Verbrennung von Jan Hus vor 600 Jahren erinnern. Angesichts einer derart komplexen Thematik fordert Kasparik „Multiperspektivität“ und „Entmythologisierung“ als Voraussetzung für ein gelungenes Reformationsgedenken. Dies bedeutet für ihn einerseits Klarheit und Selbstvergewisserung über die Erfahrungen, Interessen und Kontexte der heutigen Akteure, ob EKD oder katholische Kirche. Zum anderen bedeutet es die klare Unterscheidung zwischen den Kirchen, wie sie als Kinder des Mittelalters im 16. Jahrhundert agierten, und den Kirchen heute, die in gänzlich verschiedenen Gedanken- und Vorstellungswelten beheimatet sind.

Ein solcher historisch-kritischer Blick beinhaltet dann eben auch, „2017“ und „Luther“ als Symbole zu verstehen. Symbole für das „Phänomen Reformation“, um das es Kasparik geht. Und hierzu zählt – dies wurde auch mehrfach in der Diskussion eingefordert – nicht nur die lutherische Reformation. Die Pfingstkirchen etwa wollen als Erben der Reformation wahrgenommen werden, ebenso die Mennoniten, die in Glaubenskämpfen selbst zu Opfern protestantischer Glaubensgeschwister wurden.

Angesichts solcher Schattenseiten der Reformation machte Kasparik „Buße“ als einen zentralen Begriff für das gemeinsame Gedenken stark. Zwischen EKD und katholischer Bischofskonferenz sei etwa auch ein gemeinsamer Versöhnungsweg geplant. In einer an den Vortrag anschließenden Arbeitsgruppe gab der emeritierte altlutherische Bischof Jobst Schöne hingegen zu bedenken, dass es theologisch problematisch sei „Buße zu tun für etwas, das die Vorväter getan haben“ – büßen könne man demgegenüber nur das, was man selbst getan habe. Diese Intervention – unterstützt von dem katholischen Historiker Etienne François – führte zu einer entscheidenden Klärung: Worauf es ankäme sei, mit den Worten Kaspariks, „die dunklen Seiten der Geschichte vor Gott zu bringen“.

Letztlich soll es jedoch um mehr als Geschichte gehen – das Phänomen Reformation gilt es für Gegenwart und Zukunft weiterzudenken. Dies betrifft sowohl Formen gemeinsamer Liturgie und Spiritualität als auch die gemeinsame sozialethische Verantwortung der Kirchen; so forderte der Berliner Theologe Manfred Richter eine ökumenische Enzyklika zu globalen Fragen der Ökologie. ‚Reformation‘, das meint jedoch auch – wie Kasparik hervorhob – einen selbstkritischen Blick der Protestanten auf ihre Kirchen: „Wie evangelisch sind wir eigentlich?“, fragte er mit Blick auf die Realisierung des Priestertums aller Gläubigen im Verhältnis von Pfarrern und sogenannten Laien. Mut zum konstruktiven Streit, wie ihn Kasparik für die Ökumene fordert, scheint also auch innerhalb der Kirchen der Reformation angezeigt zu sein.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 10/2015.

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