Gott ist nicht von dieser Welt

Johannes 13,33-35

„Ein feste Burg ist unser Gott“ – so besingen immer wieder protestantische Christen mit den Worten Martin Luthers den letzten Grund ihres Seins und Glaubens, als den sie Gott für sich erkannt haben. Wer kennt aber nicht auch die Zweifel an der Existenz dieses Gottes, oder anders formuliert: die Sehnsucht nach seiner Beweisbarkeit? Bewusst oder unbewusst brechen Worte wie die des sowjetischen Kosmonauten Gagarin in unser Glaubensleben ein: „Ich bin in den Weltraum geflogen, aber Gott habe ich dort nicht gesehen.“ Die Suche nach Gott in wissenschaftlichen Erkenntnissen mag meist den Zweifel stärken – ob man nun bestrebt ist, Gott zu finden oder zu widerlegen. Doch warum überhaupt Gott zwischen den Sternen oder unter dem Mikroskop suchen? „Liebe Kinder, ich bin noch eine kleine Weile bei euch. Ihr werdet mich suchen.“ – Jesus Christus wusste, dass ihm sein Tod bevorstand, als er seinen Jüngern die Füße wusch, mit ihnen das Brot brach und diese Worte sprach. Und er schien zu wissen, dass dem Menschen nicht der Glaube an das Wort genügen würde, um sich von Gottes Existenz zu überzeugen.

Und daher gab er ihnen mit: „Wo ich hingehe, da könnt ihr nicht hinkommen.“ Denn Gott hat zwar die Welt geschaffen, aber er ist nicht „von dieser Welt“. Und das meint eben nicht, dass er – wie man es sich in früheren Zeiten vorstellte – irgendwo oberhalb der Gestirne in menschlicher Gestalt schwebt: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Vielmehr hat der dreieinige Gott eine Existenz, die sich unseren irdischen Erklärungsmustern und naturwissenschaftlichen Erkenntnissen entzieht.

Und daher ist es hoffnungslos, zu erwarten, mit – für unser Leben oft segensreichen – Experimenten der Naturwissenschaft Gott sichtbar machen zu können. „Wir stolze Menschenkinder / Sind eitel arme Sünder / Und wissen gar nicht viel; / Wir spinnen Luftgespinste / Und suchen viele Künste / Und kommen weiter von dem Ziel.“ So beschrieb Matthias Claudius unser Suchen und Streben. Freilich wäre es deprimierend, hätte Jesu Rede mit diesen Abschiedsworten geendet. Denn das hätte bedeuten können, dass mit der Kreuzigung des menschgewordenen Gottes sich Gott selbst den Menschen gänzlich entzogen hat.

Jedoch spricht Jesus weiter und gibt seinen Jüngern noch ein „neues Gebot“ mit auf den Weg: „… dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt.“ Ja, die Menschen können dem Gottessohn nicht gleich sein oder ihm gar als fleischliche Wesen in die Ewigkeit folgen. Aber: Wenn wir uns in seine Nachfolge begeben, können wir aus seiner Liebe heraus leben. Denn das Gebot der Brüderliebe hebt das schon dem alten Israel gegebene Gebot der Nächstenliebe nicht auf – „neu“ ist es aber als Gesetz für die Gemeinschaft, die an Christus glaubt und ihm nachfolgen will. Also auch für uns!

Der Apostel Paulus hat in seinem Brief an Titus beschrieben, wie die ersten Christen diese ‚Neuerung‘ erlebten: „Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands, machte er uns selig (…) durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist“ (Titus3,4-5). Können wir das heute nachempfinden? Den Heiligen Geist? Vielleicht suchen wir Gott so sehr im Irdischen und Außerirdischen, dass wir vergessen haben, dass er in uns und in der Gemeinschaft unter uns ist, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind – wo Christen Bruderliebe leben. Hier könnten wir Gott erfahren – und dieses Erfahren lässt das wissenschaftliche Erkennen und Beweisen in den Hintergrund treten.

Tilman Asmus Fischer, Mitarbeiter der evangelischen Wochenzeitung „Die Kirche“.

Erschienen in: Frohe Botschaft März/2015.

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