„Tut Buße!“

Der Theologe Manfred Richter – vormals Kunstbeauftragter der EKU am Berliner Dom – forscht zu Reformationsgeschichte und Ökumenik. Im Interview blickt er kritisch auf das EKD-Reformationsjubiläum

Herr Richter, das Reformationsjubiläum wird von der EKD als „Lutherdekade“ begangen. Ist diese Engführung mit Blick auf Geschichte, Gegenwart und Zukunft unserer Kirchen zielführend?

Die Engführung „Lutherdekade“, als ginge es nur um die Erinnerung an eine Person, so überlebensgroß sie erscheinen mag, verdeckt das Ziel. Es ist eine vielleicht populär gemeinte Vereinfachung. Doch nach Luther selbst darf man sich nicht an seinem „sterblichen Namen“ festhaken, nach dem er niemals die Kirche benannt sehen wollte. Sein Anliegen war das befreiende Evangelium. Universal.
Das Datum 1517 nötigt doch dazu, sich um die Erneuerung der gesamten Christenheit zu bemühen. „Wenn unser Herr Jesus Christus sagt: Tut Buße! so will er, dass unser ganzes Leben Buße sei.“ Das war der ganzen Kirche seiner Zeit gesagt. Wir sollten es so aufnehmen, 500 Jahre danach, dass sich alle Christen und Kirchen eingeladen wissen, zu fragen, wo und wie wir für die 500 Jahre seither und heute zur Buße gerufen sind. Das ist kein Anlass zu Selbstzufriedenheit, sondern zu Aufbruch aus eingeschliffenen Selbstsicherheiten, auch „protestantischen“.

Welche Aspekte haben sich in Ihren Forschungen zuletzt ergeben, die im Reformationsgedenken berücksichtigt werden sollten?

Weitblick und Tiefblick. Der Aufruf „Tut Buße!“, zunächst an die Professorenkollegen gerichtet, zündete bald in der Öffentlichkeit. Man war sich der Fülle von Fragwürdigkeiten bewusst – wie wir auch heute. Und Luther knüpfte an eine lange Reihe Erneuerungsbewegungen an, die nachwirkten. Augustinus und der heilige Bernhard wurden die von ihm meistzitierten Autoritäten nach der Heiligen Schrift. Schon Waldenser und Franziskaner hatten apostolisches Leben nach der Schrift gefordert und gelebt, in England der Theologe Wyclif und die Lollarden, in Böhmen Jan Hus, der dafür noch sterben musste. In dessen Anliegen hat sich Martinus wiedererkannt – wie heute vielleicht auch „Katholiken“? Das Konstanzer Konzil vor 600 Jahren mit der Forderung einer konziliaren Beratung der Kirchendinge hallte nach – wie noch heute. Die Frömmigkeitsbewegungen des 15. Jahrhunderts verbanden sich mit den Reformationen des 16. Jahrhunderts…

… kommen aber nicht mit Martin Luther zu einem Abschluss.

Sie setzten sich im Pietismus wie in christlich verstandener Aufklärung fort. Seither wuchs weltweit die Einsicht in notwendige Selbst-Reformationen – letztlich in allen, auch bislang sich verweigernden Kirchen. Theologie gibt es heute nur noch als ökumenisch verantwortete. Und ebenso Liturgie und Diakonie. Daran weiterzuarbeiten, mit allen gemeinsam: das ist meines Erachtens die Aufgabe einer wohl verstandenen „Luther-“, nein, eben: Reformationen-Dekade, die auch an heute und künftig erforderliche Reformen denkt. Für sie gab der Wittenberger Professor eine Steilvorlage. Für alle – auch heute!

Ende Februar treten die Ökumenebeauftragten in Plötzensee zusammen* – welche Anregungen wären aus diesem Kreis für ein ökumenefähiges Reformationsjubiläum wünschenswert?

Alle Gemeinden sollten vertreten sein und sich in die konkreten Arbeitsgruppen einbringen. Auch sollten Vorschläge kommen für kreative Studienarbeit an geschichtlicher Erinnerung. Zum Beispiel am Weg des Priesters Jan Hus, den Pater de Vooght als eigentlich „gut katholisch“ erkannte. Das könnte in unseren Köpfen den Blick für Potenziale freigeben, die es auszuschöpfen gilt, um das konfessionell Enge und ängstlich Selbstbezogene umzuarbeiten und das jeweilig kostbare Erbe einzufahren in die „ökumenische Scheune“.
Es sollte Anregungen geben, die unter den gemeinsamen Herausforderungen sich für einander öffnenden Mentalitäten und Biografien weiter zusammenzuführen in eine sichtbar „versöhnte Vielfalt“. Im „Arcanum“ des Gottesdienstes wie öffentlich in gemeinsamem Wort, gemeinsamer Tat. Ökumenische Versammlungen hier und anderswo arbeiten daran. Aus Busan (ÖRK in Korea), aus Konstantinopel, aus Rom sind kräftige Impulse unterwegs – greifen wir sie auf, verstärken wir sie. 2017 in Wittenberg und Berlin: Machen wir es zum Datum unserer nächsten „ökumenischen Versammlung“.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 7/2015.

* Treffen der ökumenisch Interessierten und Ökumenebeauftragten. Thema: Ökumenische Chancen eines Reformationsgedenkens. Organisation: Konvent der Ökumenebeauftragten (Sprengel Berlin) und Diözesanrat der Katholiken im Erzbistum Berlin.

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