70 Jahre nach Flucht und Vertreibung – Nehmt einander an!

Heimat-Begegnungen (10)

2015 jähren sich die Flucht- und Vertreibungsereignisse des Jahres 1945 zum 70. Mal. Anders als in den Jahren nach Weltkrieg und Kriegsverbrechen können heute die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn aufeinander zugehen und über gegenseitig erlittenes Leid sprechen. Das dem so ist, ist gerade auch dem Einsatz der deutschen Heimatvertriebenen zu verdanken, die aus ihrem Glauben heraus bereit waren – ebenso wie Christen östlich von Oder und Neiße – einander die Hand zu reichen. Dies meint Dr. Bernd Fabritius MdB, der Präsident des Bundes der Vertriebenen. Im Interview spricht er über den christlichen Aspekt der Verständigungsarbeit und seine persönlichen Erfahrungen als siebenbürgisch-sächsischer Protestant. Dieser Blick birgt eine geschwisterliche Zukunftsperspektive in sich – und so mag zum diesjährigen Vertreibungsgedenken auch die Jahreslosung für 2015 passen: »Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.« (Röm15,7)

Tilman Asmus Fischer: Welche Potentiale hat der christliche Glaube für die Verständigung und Versöhnung zwischen den Vertriebenen und den Völkern Osteuropas?

Bernd Fabritius: Die Versöhnung zwischen den Vertriebenen und den Völkern Osteuropas hat längst stattgefunden! In Wort und Schrift festgehaltenes Bekenntnis des Versöhnungsgedankens ist die Charta der Heimatvertriebenen von 1950. Darin verzichten die Heimatvertriebenen auf Rache und Vergeltung. Sie wollen „durch harte, unermüdliche Arbeit teilnehmen am Wiederaufbau Deutschlands und Europas“. Wir erleben heute Phänomene, die Anfang der 50er Jahre noch undenkbar waren: Familienbesuche in der „alten Heimat“, Freundschaften zwischen Nachkommen der Vertriebenen und den heutigen Bewohnern der ehemals deutschen Dörfer und Städte. Wir erleben Städtepartnerschaften, Hochschulkooperationen, Schüleraustausch.

TAF: Wäre dies nicht auch ohne religiöses Ethos denkbar?

Fabritius: Für deutsche Vertriebene aus Ost- , Mittel- und Südosteuropa, aber auch für die in den letzten 70 Jahren nach Deutschland ausgewanderten Spätaussiedler, war und ist der christliche Glaube ein zentraler Aspekt ihres Selbstverständnisses. Die Charta der Heimatvertriebenen wäre so nicht vorgelegt worden, wenn nicht der christliche Glaube, der Vergebung und Versöhnung fordert, Vater des Gedankens gewesen wäre. Ich habe Zweifel daran, ob die damalige Generation der Vertriebenen stark genug gewesen wäre, das Unrecht der Vertreibung und Enteignung bereits fünf Jahre nach Kriegsende vergeben zu können, wenn Sie nicht in Gott vertraut hätten und im Glauben gefestigt gewesen wären. Mit der Bibel im Fluchtgepäck waren diese Menschen – sowohl persönlich als auch in der Gemeinschaft – groß genug, christliche Milde und Menschenliebe über persönliche Rachegedanken zu erheben.

TAF: Sie selbst sind Siebenbürger Sachse. Welche Bedeutung hat der christliche Glaube speziell für Ihre Gemeinschaft – und natürlich für Sie persönlich?

Fabritius: Es war nicht zuletzt die Evangelische Landeskirche in Rumänien, die in den schweren Zeiten der kommunistischen Ceausescu-Diktatur die Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen zusammengehalten hat. Das wird vielen von uns umso mehr bewusst, je weiter jene Zeit zurückliegt: Der sonntägliche Gottesdienstbesuch war für die Mehrheit der Siebenbürger Sachsen eine absolute Selbstverständlichkeit. Überhaupt gab die Kirche dem Einzelnen den christliche Rahmen des Lebens vor: sie nahm die Taufe vor, begleitete den Menschen über Konfirmation und Hochzeit bis zur Trauerfeier am Grab. Die Bischöfe und Pfarrer der Siebenbürger Sachsen waren zu jeder Zeit Respektpersonen – und das nicht nur, weil ihr Amt sie dazu erhob, sondern auch weil die Menschen in den Städten und Dörfern spürten, wieviel politischen und gesellschaftlichen Druck die Pfarrer auf sich zogen, um ihre Gemeindemitglieder so gut es eben ging zu entlasten. Minderheiten wie z. B. die Siebenbürger Sachsen sind immer auf das Wohlwollen der Mehrheitsgesellschaft angewiesen, wenn es ihnen gut gehen soll. Wenn aber die Mehrheitsgesellschaft selbst über Jahrzehnte hinweg unter der politischen Diktatur leidet, fehlt ihr am Ende die Kraft , auf das Wohl der eigenen Minderheiten zu achten. Das haben die Deutschen im Nachkriegs-Rumänien bitter erfahren müssen und haben dadurch in ihrem tiefverwurzelten Glaube unter dem Dach der Kirche Schutz und Trost gesucht.

TAF: Was bedeutet diese historisch gewachsene enge Bindung für die Gegenwart?

Fabritius: Heute ist die Kirche in Siebenbürgen mehr denn je gefordert, denn sie ist es, die den in der Heimat verbliebenen Siebenbürger Sachsen Mut zuspricht. Erst in der Diaspora, da, wo sich existentielle Ängste breitmachen, zeigt sich die aus dem Glauben entspringende Kraft der Kirche und ihrer Repräsentanten. Die Arbeit, die von den einzelnen Pfarrern geleistet wird, sprengt jeden Rahmen, den ein Arbeitsvertrag vorgeben kann. Die siebenbürgisch-sächsische Liturgie haben wir im Gepäck nach Deutschland mitgebracht. Kaum eine Kreis- oder Landesgruppe, die nicht anlässlich ihrer Feiern und Jubiläen vor Beginn der Veranstaltung einen Gottesdienst nach althergebrachter Liturgie feiert. Der zahlenmäßig größte Gottesdienst dieser Art findet alljährlich zu Pfingsten in Dinkelsbühl statt, wenn 20.000 Siebenbürger Sachsen ihren Heimattag begehen. Wir feiern dort zuerst den traditionellen Pfingstgottesdienst und beginnen anschließend die Kundgebung am Pfingstsonntag mit einem geistlichen Wort – häufig des Bischofs der Evangelischen Kirche in Rumänien (EKR) – vor den meist über 20.000 Teilnehmern.

TAF: Neben Ihrem Amt als BdV-Präsident und als Vorsitzender Ihrer Landsmannschaft sind sie auch im Vorstand der Gemeinschaft der Evangelischen Siebenbürger Sachsen aktiv.

Fabritius: Als Vorstandsmitglied dieser Gemeinschaft ist es mir ein besonderes Anliegen, die Bindung an unseren christlichen Glauben und unsere Heimatkirche als Teil des Selbstverständnisses aller Siebenbürger Sachsen zu verankern. Dieses ist ein wichtiges Glied in der Bindung zwischen den Heimatvertriebenen und den Heimatverbliebenen – hier und dort.

TAF: Auch darüber hinaus engagieren Sie sich für evangelische Kirchen in Osteuropa – und zudem in Ihrer eigenen Herkunftskirche. Wie genau?

Fabritius: Ich habe seit meiner Einreise nach Deutschland an sehr unterschiedlichen Orten gelebt, das war und ist studien- und arbeitsbedingt. Dadurch bedingt habe ich zu keiner regionalen Kirchengemeinde in Deutschland eine besondere Beziehung aufgebaut. Ich fühle mich weiterhin der Kirchengemeinde sehr verbunden, in welcher ich getauft und konfirmiert wurde – in Siebenbürgen. Ich bin nach wie vor Mitglied dieser Kirchengemeinde. Zudem bin ich Mitglied der Landeskirchenversammlung der EKR, wo ich nach Kräft en mitwirke. Mit unserem Bischof Reinhard Guib wie mit seinem Vorgänger Dr. D. Christoph Klein verbindet mich eine enge Freundschaft. In München versuche ich derzeit einen Beitrag zur besseren Verbindung der evangelischen Gemeinde in München mit der Partnergemeinde in Kiev, Ukraine zu leisten. Zwischen München und Kiev besteht nicht nur eine Städtepartnerschaft sondern auch eine gute Zusammenarbeit gerade im Bereich der evangelischen Kirchengemeinden. In Berlin bin ich Mitglied des Kuratoriums zur Gestaltung des „Raum der Stille“ – ein Andachtsraum im Zentrum der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“, der dem ökumenischen Gedanken verschrieben ist.

Erschienen in: DER WESTPREUSSE – Unser Danzig 2/2015.

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