Auf ein Wort: Für ein europäisches Reformationsjubiläum!

Von Tilman Asmus Fischer, Bundeskulturreferent der Landsmannschaft Westpreußen

2017 ist es so weit: Die Evangelische Kirche in Deutschland feiert 500 Jahre Reformation. Eigentlich tut sie das schon seit längerem mit der sogenannten Lutherdekade. Warum aber feiern die deutschen Protestanten 2017? Warum nicht schon 2015 – und dann gleich 600 Jahre: In Erinnerung an die Hinrichtung des böhmischen Reformtheologen Jan Hus? Warum die Wahl auf Luther gefallen ist, ist klar – sein Thesenanschlag ist das herausragende Ereignis in einer Reihe kirchengeschichtlicher Entwicklungen, deren Wurzeln deutlich vor ihm liegen und deren Fortwirken über seinen Tod hinausgeht.

Dies zu bestreiten wäre müßig. Wozu dann jedoch diese einleitenden Fragen? Sie sollen eine Sorge illustrieren, die vergangenes Jahr die renommierte Kirchenhistorikerin Dorothea Wendebourg so formulierte: Mit dem Reformationsjubiläum könnte womöglich lediglich ein „provinzsächsisches Ereignis“ gefeiert werden. Das würde eine dreifache Beschneidung des Reformationsgedenkens bedeuten: Eine räumliche, zeitliche und konfessionelle. Eine Beschneidung, an der so manchen nicht gelegen sein dürfte – auch denjenigen, die sich der kulturgeschichtlichen Vielfalt der historischen deutschen Ost- und Siedlungsgebiete verpflichtet fühlen. Was bedeutet diese Beschneidung und wie wäre gegenzusteuern?

Was bedeutet die räumliche Beschneidung? Die zentralen Reformationsfeierlichkeiten werden 2017 in Mitteldeutschland stattfinden – zwischen Berlin und Wittenberg. ‚Reformation‘ ereignete sich jedoch nicht nur in den Grenzen der Bundesrepublik Deutschland. Von Hus war bereits die Rede. Auch einer der ersten protestantischen Staaten lag jenseits der Oder: Das Herzogtum Preußen. Hier – in Königsberg – wurden wichtige Schriften des polnischsprachigen Protestantismus gedruckt. Danzig und Königsberg sind eng verbunden mit den großen protestantischen Dichtern Martin Opitz und Ambrosius Lobwasser. Für 2017 plant die EKD eine „Weltausstellung Reformation“ – hoffentlich wirft sie mehr als nur einen raschen Blick Richtung Osten. Hier sind sensible Protestanten in den Gremien der Kirchen gefragt, Anregungen zu geben und auf die Einbeziehung von Brüdern und Schwestern in Osteuropa zu achten.

Nicht minder einschneidend wären die zeitliche und konfessionelle Engführung: Die Reformationsgeschichte endet nicht mit dem 16. Jahrhundert. 1645 etwa fand das Thorner Religionsgespräch statt – über den Beitrag des Mährers Johannes Amos Comenius hierzu hat der Theologe Manfred Richter jüngst ein neues Grundlagenwerk vorgelegt. Comenius gehörte zu den „Böhmischen Brüdern“ – aus ihnen entstanden die heute bekannten „Herrnhuter“. Dies wiederum zeigt: Erben der Reformation sind nicht nur die lutherischen Kirchen. Wo bleiben die reformierten, täuferischen, freikirchlichen Strömungen? Etwa die Mennoniten, die das Danziger Werder prägten?

Schnell wird deutlich: Solche Beschneidungen würden an Europa vorbeigehen – an seiner historischen Vielfalt und an unseren Nachbarvölkern. Zu dieser Beschneidung muss es jedoch nicht kommen – es gibt positive Tendenzen: 2014 veröffentlichte die Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig, in der Reihe „Orte der Reformation“ eine Broschüre über „Königsberg und das Herzogtum Preußen“. All solche Initiativen gilt es wohlwollend aufzunehmen und zu fördern. Und es gilt, selbst initiativ zu werden: Seitens der Vertriebenenverbände, seitens des Konventes der ehemaligen evangelischen Ostkirchen, seitens der ostdeutschen Landesmuseen. Und nicht zuletzt seitens der „Union Evangelischer Kirchen“ – denn dieser, einer der größten deutschen Kirchenbünde, steht in unmittelbarer Tradition der „Altpreußischen Union“.

Erschienen in: DER WESTPREUSSE – Unser Danzig 2/2015.

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