Drei unter einem Dach

Das Berliner Projekt „House of One“ soll eine Kirche, eine Synagoge und eine Moschee beherbergen

Christen, Juden und Muslime planen in Berlin ein gemeinsames Bet- und Lehrhaus. Die drei monotheistischen Religionen wollen im neuen Glaubenszentrum Gemeinsamkeiten herausstellen, ohne sich dabei zu einem „Religionsbrei“ zu vermischen.

Von Tilman Asmus Fischer

Berlin. Angesichts der Pariser Anschläge und der Pegida-Kundgebungen hat Deutschland in den vergangenen Wochen bewegende Bilder gesehen: Christen, Juden, Muslime – auch Atheisten – haben immer wieder gemeinsam für ein friedliches Zusammenleben der Weltanschauungen demonstriert. Was jedoch kommt nach den ‚Happenings‘? Wie sichert man auf Dauer ein stabiles Miteinander der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und Bekenntnisse? Hierzu bedarf es Foren des Dialogs, der Begegnung – sicher auch des konstruktiven Streites. Nicht zuletzt braucht es Räume, in denen Monotheisten einander – bei allen Differenzen – gegenseitig als spirituelle und gläubige Menschen erleben.

In der Bundeshauptstadt versucht derzeit eine Initiative von Juden, Christen und Muslimen, einen solchen Raum entstehen zu lassen: „House of One“ heißt das gemeinsame Bet- und Lehrhaus, für das in diesem Jahr der Grundstein gelegt werden soll. Und es soll an einem besonderen Ort stehen: nahe dem Alexanderplatz an der Stelle der früheren Petrikirche, die 1964 auf SED-Befehl abgerissen wurde.

Geht es nach den Initiatoren, wird hier das „House of One“ drei Gotteshäuser vereinen. Dabei legt das architektonische Konzept Wert auf die Trennung der Gottesdiensträume, sollen die drei großen monotheistischen Religionen hier doch in ihrer jeweiligen Eigenart ernst genommen und nicht vermischt werden: „Unter einem Dach wird es eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee beherbergen. Drei getrennte Gottesdiensträume, in denen jeder seiner Gebetstradition folgen und Kraft aus seinem Glauben schöpfen kann. Unvermischt, denn wir wollen keinen Religionsbrei, kann man im House of One einst jüdische, christliche und islamische Gebete und Liturgien erleben“, sagt Pfarrer Georg Hohberg von der Evangelische Kirchengemeinde St. Petri – St. Marien.

Das heißt jedoch nicht, dass die Religionen für sich bleiben wollen. Vielmehr richtet sich das Bethaus gezielt an die Öffentlichkeit und will etwa für Schulklassen Bildungsangebote schaffen und Menschen zu täglichen Andachten einladen. Zum Gespräch – etwa bei Diskussionsveranstaltungen – werden gleichsam auch konfessionsfreie Menschen eingeladen sein, die immerhin das Umfeld des gemeinsamen Glaubenszentrums prägen. Ort der Begegnung soll dabei ein die drei Gottesdiensträume verbindender „Lehrraum“ sein.

Initiator des Projektes ist der Verein „Bet- und Lehrhaus Petriplatz Berlin“, dessen Gründungsmitglieder für die Breite der Trägerschaft stehen: Von jüdischer Seite beteiligen sich das Abraham Geiger Kolleg und die Jüdische Gemeinde zu Berlin, von muslimischer das Forum für Interkulturellen Dialog (FID). Von christlicher – oder besser gesagt evangelischer – Seite her bringen sich die evangelische Kirchengemeinde St. Petri – St. Marien und der Evangelische Kirchenkreis Berlin-Stadtmitte ein. Mit dem Land Berlin gehört auch die öffentliche Hand zu den Triebkräften. Womöglich ist es sinnfällig, dass ein solches Vorhaben nicht durch die großen Kirchen- und Gemeindebünde – die EKD und die Zentralräte der Juden und Muslime – initiiert wurde, sondern dort möglich ist, wo auf regionaler Ebene vertrauensvolle Zusammenarbeit gelebt wird. Zumindest die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz gehört zu den Förderern des Vereins.

Insbesondere bei der Suche nach einem muslimischen Partner für das Projekt legte die Marien-Gemeinde nach eigener Auskunft große Sorgfalt an den Tag – wird doch die Diversität der islamischen Gemeinde-Szene in Deutschland immer wieder problematisiert. Unterstützung erhielt sie von Wissenschaftlern der Humboldt-Universität, die bei der Wahl des passenden Partners behilflich waren. Mit dem FID habe man einen Mitstreiter gefunden, „der eine große Offenheit gegenüber weiteren muslimischen Partnern ebenso wie den anderen Religionen einzulösen sich verpflichtet“, so die Pressesprecherin der Marien-Gemeinde, Anna Poeschel.

Neben dem Verein steht ein hochrangig besetztes Kuratorium, das das Vorhaben beratend und kontrollierend begleitet. Ihm gehört unter anderem Gabriel Goltz an, der im Bundesministerium des Innern für die Islamkonferenz zuständig ist. Man ist froh, einen Spezialisten an der Seite zu wissen, der „kontinuierlich über Anfragen und Fragestellungen aus dem islamischen Bereich berät und über etwaige Hinweise des Verfassungsschutzes etc. informiert“, sagt Anna Poeschel. Eine solche Beratung ist mit Blick auf die Vielschichtigkeit des Umfeldes, in dem sich die Initiative bewegt, auch notwendig. Etwa angesichts der Tatsache, dass sich das FID in der Tradition des islamischen Gelehrten Fethullah Gülen stellt, der sein Ehrenvorsitzender ist. Gilt er einigen als islamischer Reformer, so werfen andere der von ihm geführten Bewegung sektenhafte Strukturen vor.

Derlei Befürchtungen sieht man jedoch im Bethaus-Verein nicht begründet. Hierfür spricht auch die Tatsache, dass das FID – so wie die anderen Beteiligten – die gemeinsame „Charta für ein Miteinander von Christentum, Judentum und Islam bei der Konzipierung, Errichtung und Nutzung des neuen Lehr- und Bethauses auf dem Petriplatz Berlin“ unterzeichnet hat. Sie schreibt die Grundprinzipien der Zusammenarbeit fest: Gewaltlosigkeit „Ehrfurcht vor allem Leben“, Solidarität, Respekt, Wahrhaftigkeit und Gleichberechtigung. In den Begrifflichkeiten klingt die „Weltethos“-Programmatik von Hans Küng an.

Dennoch ist der mit Gülen verbundene schwebende Vorbehalt symptomatisch für Fragen und Herausforderungen, denen sich eine gemeinsame monotheistische Institution gegenübersieht. Und damit bekräftigt sie noch einmal deren ureigene Notwendigkeit als Ort, an dem sich Menschen unterschiedlicher Bekenntnisse begegnen, befragen – und auch kritisch hinterfragen dürfen.

http://www.house-of-one.org

Erschienen in: Evangelische Zeitung 5/2015 (www.evangelische-zeitung.de).

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s