Perspektiven des Gottesglaubens

Zwei Philosophen über Gott, Geist und Geld

Von Tilman Asmus Fischer

Seit Stéphane Hessels „Engagiert Euch!“ ist es neuerlich in Mode gekommen, Streitschriften und Denkanstöße in geringer Seitenzahl zu veröffentlichen. Zudem haben es Politiker wie Helmut Schmidt populär gemacht, Gedanken und Erinnerungen ‚… im Gespräch mit XY‘ zu erörtern. Beide Trends führen die nun erschienenen „Gespräche über Gott, Geist und Geld“ zusammen. Hier philosophieren die bekannten Kulturwissenschaftler Peter Sloterdijk und Thomas Macho unter Leitung von Manfred Osten – und es wird deutlich: Bei bestimmten Themen wäre es besser, der publizistische Schuster bliebe bei seinen Leisten.

Also bei einer Zusammenstellung von Essays beider großen Denker zu einer höchst komplexen Thematik: Tiefgehend wird bestimmt, wie die westliche Gesellschaft einen Fortschritts- und Geldglauben an die Stelle der Gottesgläubigkeit gesetzt hat – und wie sich das Bedürfnis nach Religiosität immer wieder Bahn bricht. Zur Vielschichtigkeit der Problemstellung kommt, neben dem regelmäßigen Rekurs auf – stillschweigend als bekannt vorausgesetzte – akademische Diskurse, erschwerend der Moderationsstil hinzu: Dieser ist nicht nur sprunghaft – so dass bisweilen interessante Überlegungen nicht zu Ende gedacht werden –, sondern zudem auf den Promi-Philosophen Sloterdijk fixiert.

Hat man jedoch die Mühen der Ebene überwunden, erschließen sich ab Seite 40 reiche Gedankengänge, deren Ergebnis ist: Der Gottesglaube kann noch oder gerade heute wieder eine orientierende Funktion wahrnehmen, nachdem die Religion des Kapitalismus zur Desorientierung geführt hat. Aufschlussreich sind diese Einsichten in die Bedeutung eines Gottesglaubens, wie dem Christentum, gerade auch, da sie von zwei Denkern kommen, die nicht aus der Perspektive von Gläubigen argumentieren. Dennoch erkennen sie weltanschaulich stabilisierende Potenziale – es geht um die transzendentale Verankerung von Verbindlichkeit im Miteinander: So behauptet Sloterdijk, „dass eigentlich nur mit solchen Menschen ein Staat zu machen ist, die noch in irgendeiner Weise Ehrfurcht vor dem Eid empfinden und die gerade deswegen gesellschaftsfähig sind, weil sie an Eidgenossenschaften teilhaben können“. Dies sei für ihn „der eigentliche Sinn der sogenannten ‚Wiederkehr der Religionen‘“.

Dabei kommen freilich die essenziellen Schätze des christlichen Glaubens, wie die Sündenvergebung am Kreuz aus der reichen Liebe Gottes, nicht zur Sprache. Dafür jedoch Schattenseiten der Kirchengeschichte: Die Instrumentalisierung menschlicher Ängste – oft ist die Rede von „Phobokratien“. Zukunftsfähigkeit attestieren beide Diskutanten vielmehr der Akzentuierung der Liebesbotschaft und des Christentums als Schulderlassungsreligion. Wo jedoch bleiben Ansprüche Gottes an die menschliche Lebensführung?

Aber dies ist wohl eher eine Frage für christliche Dogmatiker. So bleiben Sloterdijk und Macho bei sozialen Nützlichkeitserwägungen stehen. Die geistesgeschichtlichen Rahmenbedingungen einer neuen Chance für den christlichen Glauben, die sie herausarbeiten, können jedoch für eine weiterführende Debatte fruchtbar gemacht werden.

Peter Sloterdijk und Thomas Macho: Gespräche über Gott, Geist und Geld. Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2014. 112 Seiten, 12 Euro, ISBN: 978-3-451-30928-1.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 4/2015.

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