Woran soll erinnert werden?

Mit einer neuen Landespfarrstelle will die EKBO ihre Erinnerungskultur profilieren

Von Tilman Asmus Fischer

Marion Gardei steht vor der Bücherwand ihres neuen Büros im Konsistorium der EKBO. Sie blättert in einer Neuerscheinung: „Es wird gebeten, die Gottesdienste zu überwachen …“ von Hans-Rainer Sandvoß – das neue Standardwerk zu Religionsgemeinschaften im Berlin der NS-Zeit. „Ein Quantensprung“, freut sich die Theologin über das Buch, das sie in wenigen Wochen in Berlin-Dahlem vorstellen wird. Dort, im Süden der Bundeshauptstadt, war sie 23 Jahre lang Pfarrerin, bevor sie Ende 2014 zur ersten Landespfarrerin für Erinnerungskultur berufen wurde. Nun obliegt es ihr, kirchliche Erinnerungsorte und ehrenamtliche Initiativen, die sich für deren Bewahrung und Präsentation einsetzen, zu vernetzen und zu unterstützen.

Einen „Schritt in die richtige Richtung“, nennt Marion Gardei die Schaffung ihres Amtes. Denn immer wieder berufen sich die evangelischen Kirchen auf die Bekennende Kirche, beobachtet sie, während eine strukturelle Unterstützung der Erinnerungsarbeit sich erst jetzt etabliert. Die notwendigen Erfahrungen, um die Pfarrstelle mit Leben zu füllen, bringt Gardei aus ihren bisherigen Tätigkeiten mit: Seit 2007 betrieb sie in Dahlem den Ausbau des „Martin-Niemöller-Hauses“ zu einer Bildungsstätte; zudem war sie in den letzten drei Jahren zeitgleich in der Gedenkstätte „Topographie des Terrors“ tätig.

„Wie bringt man jungen Menschen die Tradition der Bekennenden Kirche nahe?“ Diese Frage war für Marion Gardei stets zentral – und nun kann sie ehrenamtlichen „Erinnerungsarbeitern“ auf landeskirchlicher Ebene bei der Beantwortung dieser und anderer Fragen helfen. Wir leben in einer Zeit des Übergangs: Der größte Teil der Zeitzeugen aus dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus ist bereits gestorben. „Die Orte werden immer wichtiger, da sie Geschichte erzählen, begreifbar machen“ – das ist Gardeis Credo.

Diese Entwicklung erfordert eine Professionalisierung des Umgangs mit Erinnerungsorten – daher wird es eine der vornehmsten Aufgaben der neuen Landespfarrerin sein, in Kooperation mit staatlichen Gedenkstätten ein Ausbildungsprogramm zu entwickeln, das Ehrenamtliche im rechten Umgang mit Gedenkstätten und Geschichtsvermittlung schult. Eine solche Ausbildung bedarf freilich zudem eines inhaltlichen Konzepts – denn: Woran und wie soll überhaupt in der EKBO erinnert werden? Es ist Grundlagenarbeit, die hier wartet.

Unzählige Gedenktage und eine Reihe gesellschaftlicher Gruppen wollen bedacht sein – etwa die Sorben. Dementsprechend kommen auf Marion Gardei nun zunächst Gespräche mit unterschiedlichen Akteuren aus Gesellschaft, Kultur und Politik zu. Schon jetzt erkennt sie die Komplexe „Nationalsozialismus“ und „Zweiter Weltkrieg“ sowie „SbZ“ und „DDR“ als zentrale Themen der landeskirchlichen Erinnerungskultur. Oder sollte man eher von Erinnerungskulturen sprechen? Denn viele andere Themen wollen ebenfalls Berücksichtigung finden, man denke nur an den Ersten Weltkrieg und – 2015 – den Völkermord an den Armeniern.

Die jetzige Berufung von Marion Gardei gilt zunächst für drei Jahre. Angesichts der Herausforderungen, denen die EKBO in der Erinnerungsarbeit gegenübersteht, wird die Zeit jedoch wohl kaum genügen – mithin sind es bleibende Aufgaben und Fragen, über die immer wieder neu nachgedacht werden muss. Für das Reformationsjubiläum 2017 wird die neue Landespfarrerin zunächst jedoch gemeinsam mit der Stiftung „Topographie des Terrors“ und der Gedenkstätte „Deutscher Widerstand“ eine Sonderausstellung zur Luther-Rezeption im Nationalsozialismus entwickeln. Und dann besteht noch das Vorhaben, einen „Erinnerungskalender“ zu entwickeln, der Gedenktage und Erinnerungsorte in Einklang bringt. Es gibt viel zu tun.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 4/2015.

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