„Der Krieg macht uns allen Sorge“

Ein Gespräch mit dem Kiewer Pfarrer Ralf Haska über seine Visionen vom Frieden in der Ukraine

Herr Pfarrer Haska, wie erleben Sie in den Adventstagen die Realität in Kiew?

Wir spüren ganz besonders, wie wichtig die Botschaft Gottes ist: „Friede auf Erden“, das wünschen wir sehr. Und doch ist die Realität eine andere. Der Krieg im Lande besorgt uns alle. Menschen sorgen sich darum, den Winter zu überstehen. Die Preise steigen, Medikamente werden teurer. Bekannte sind im Kampf. Sie sehen, mit wie vielen Sorgen die Menschen in das Weihnachtsfest gehen. Und doch brauchen wir ein Aufatmen. Wir brauchen den Zuspruch „Friede auf Erden“ als Hoffnungszeichen, das Gott setzt. Wir vertrauen auf seine Kraft. Von seinem Wort lassen wir uns trösten und aufrichten.

Welche Wünsche haben die Menschen in der Ukraine angesichts dieser Zustände für das neue Jahr?

Bei allen herrscht der eine Wunsch vor: dass Frieden werde und das Sterben aufhören möge. Dass die Flüchtlinge wieder zurückkehren können. Dass Zerstörtes wieder aufgebaut wird und Versöhnungsarbeit beginnen kann. Das liegt ganz obenauf.
Doch genauso wichtig sind die Reformen, die anstehen, etwa des Gesundheits- und Justizwesens. Das Leben eines kranken Menschen darf nicht mehr davon abhängen, wie viel Geld er hat. Rentner müssen sich Medikamente leisten können. Die Menschen erwarten, dass Recht von unabhängigen und nicht gekauften Richtern gesprochen wird. Die Korruption muss endlich bekämpft werden. Davon erhoffen sich die Menschen auch eine kleine Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse.

Welche Chancen bestehen, dass diese Hoffnungen sich erfüllen?

Wie es mit dem Krieg weitergeht, weiß niemand. Die Menschen hier sagen: Je mehr militärische Unterstützung die Separatisten aus Russland erfahren, desto weiter rückt der Frieden weg. In Bezug auf die Reformen sind erste Schritte getan. Man ist vorsichtig optimistisch.
Viele Ukrainer beobachten die Regierung sehr genau. Es gibt viele zivilgesellschaftliche Initiativen, die sich in die Gestaltung einer neuen Ukraine einbringen, beispielsweise in das Bildungssystem. Viele verstehen, dass sie selbst Verantwortung übernehmen müssen. Für all das brauchen sie hier unsere Solidarität und unsere Gebete.

Sie haben die Umbrüche der letzten beiden Jahre miterlebt – was sind Ihre Visionen für eine friedliche Zukunft der Ukraine?

Ich bin sicher, dass die Ukraine es verdient hat, ihren Weg nach und mit Europa zu gehen. Die Ukrainer wünschen sich, dass wir mit Wohlwollen und mit Empathie auf sie schauen. Sie haben wohl wie alle Menschen und Völker den Wunsch nach einer friedlichen Entwicklung und friedlichen Beziehungen zu anderen Ländern. Als Christ weiß ich, dass die Orthodoxie eine Bereicherung unserer Kirchen und unserer eignen Frömmigkeit sein kann.

Haben die Erlebnisse der letzten Monate Ihre Visionen verändert?

Ich habe viel nachgedacht im letzten Jahr. Besonders über die Frage nach Gewalt und Gegengewalt, die Frage nach einem gerechten Frieden. Vieles bewegt mich in dieser Richtung, manches verändert sich. Aber ein Wunsch stand und steht: dass die Menschen, mit denen ich hier lebe, ein menschenwürdiges Leben führen können. Dass sie sich nie mehr als Sklaven fühlen müssen und, wie andere Völker auch selbstbestimmt ihren eigenen Weg in einem souveränen Land gehen können. Im Namen aller, die die Hilfe materiell wie durch das Gebet gespürt haben, bedanke ich mich für jeden lieben Gedanken und jede gute Tat, die Menschen in Deutschland und anderswo uns haben zukommen lassen. Wir haben das gespürt. Das hat uns alle gestärkt.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Kontakt:
Deutsche Evangelisch-Lutherische Gemeinde Kiew, Pfarrer Ralf Haska, Luteranska 22, Kirche St. Katharina, UA 01024 Kiew
Tel (00 380) 44 253 63 19
Mobil (00 380) 637 110 364
E-Mail: pastor@katharina.kiev.ua
http://www.katharina.kiev.ua

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 51/52/2014.

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