Wo liegt Müggelheim?

Zwischen Dortmund und Berlin-Kaulsdorf: 60 Jahre Patenschaft und Partnerschaft wider die Teilung

Von Tilman Asmus Fischer

„Lieber Bruder Bartz! Das evangelische Hilfswerk hat mir Ihre Gemeinde als Patengemeinde für die Unsrige genannt“, schreibt der Dortmunder Pfarrer von Grot im Juni 1953 an seinen Amtskollegen in Berlin-Kaulsdorf – acht Jahre nach Kriegsende und vier Jahre nach der Gründung zweier deutscher Staatsgebilde in einem Land. Diese Teilung zertrennte nicht nur ein Volk, sondern spaltete zudem die evangelischen Landeskirchen, ebenso wie die katholische Kirche. Dieser traurigen Realität versuchte die EKD entgegenzuwirken, indem sie Patenschaften von West- zu Ost-Gemeinden zuteilte.

Ein klares Zeichen für die Einheit Deutschlands und seiner Christen – und zur damaligen Zeit auch ein Akt der Humanität: „Alle Kreise der Gemeinde beteiligen sich lebhaft am Versand von Paketen in die Ostzone. Ein großer Kreis von Einzelpersonen wird regelmäßig bedacht. Dazu ist jetzt als Patengemeinde die Gemeinde Berlin-Kaulsdorf getreten“, berichtet die Dortmunder Heliand-Gemeinde 1953 an die Kreissynode. Zugleich war die Patenschaft auch ein gemeinsames Abenteuer, das damit begann, den ‚Anderen‘ erst einmal kennenzulernen: „Wo liegt Berlin-Müggelheim?“ So fragt von Grote nach dem Wohnort seines Kollegen. Im Jahre 1954 intensivierte sich der Kontakt über die Zonengrenzen hinweg – und im Folgejahr war es soweit: Ein erstes Zusammentreffen fand statt – in Berlin-Ost, wo den Bundesbürgern gesetzlich die Übernachtung verboten war. So schlief man in kirchlichen Einrichtungen in Berlin-West und quälte sich durch die Grenzkontrollen, um über Tage bei den Brüdern und Schwestern sein zu können. Damit wurde 1955 eine Tradition begründet, die die beiden Gemeinden bis heute – seit 1990 auch mit Gegenbesuchen – fortsetzen. Aus der Patenschaft ist nach der Wiedervereinigung eine Partnerschaft geworden.

Bereits 1956 wurde die erste Jugendbegegnung organisiert. „Gerade für westdeutsche Jugendliche waren die Begegnungen deshalb so wichtig, weil sie ihren Horizont erweiterten. Der war durch die westliche Welt geprägt, nicht nur durch Westdeutschland, sondern auch durch Westeuropa und in Einzelfällen auch durch USA-Erfahrungen“, erinnert sich der ehemalige Dortmunder Pfarrer Karl-Georg Mix in einer Festschrift. Seine Gemeinde hat sie jetzt zum Gedenken an 60 Jahre Patenschaft und Partnerschaft herausgegeben. So sind seit 1954 zwei Gemeinden im Westen und Osten der heutigen Bundesrepublik aneinander und miteinander gewachsen. Der materielle Aspekt – Geschenk- und Büchersendungen, bisweilen auch Baumaterial – ist dabei nur ein kleiner Aspekt. Was überwiegt, ist der Wille, trotz Teilung zusammenzuhalten und nach 1990 im vereinten Land Gemeinschaft zu leben. Zu dieser Gemeinschaft gehörte freilich auch, Differenzen zu erkennen und zu ertragen.

So erinnert sich eine alte Kaulsdorferin an einen Besuch als Rentnerin in Dortmund 1985: Nachdem sie bereits an die Gesprächsthemen der „Westler“ nicht anknüpfen konnte, verabschiedete sich eine Dame von ihr mit den Worten: „Nicht wahr, das ist doch hier was ganz anderes als bei Ihnen!“ Hierauf konnte sie nur antworten: „Ach, wissen Sie, ich habe gemerkt, auch hier lassen sich die Leute scheiden oder sterben an Krebs.“ Gegensätze wurden ausgestanden, es wurde diskutiert, gefeiert – mehr als ein halbes Jahrhundert und eine Diktatur haben die beiden Gemeinden überlebt. So sind enge Freundschaften und eine herzliche Beziehung entstanden. Sie prägten in diesem Jahr den Festgottesdienst in der Dortmunder Heliand-Kirche, den Pfarrerin Steffi Jawer aus Kaulsdorf und der Gastgeber, Pfarrer Martin Tulhoff, gemeinsam feierten – beide wollen auch in Zukunft ihre Erfolgsgeschichte fortschreiben.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 48/2014.

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