Verlässlichkeit des Evangeliums

Die aktuelle EKD-Denkschrift verortet den Religionsunterricht neu

Von Tilman Asmus Fischer

Anfang November kam es in Berlin zu zwei denkwürdigen Ereignissen. Zunächst hielt am 3. November der päpstliche ‚Ökumenebeauftragte‘ Kurt Kardinal Koch den Eröffnungsvortrag zur aktuellen Ringvorlesung „Ökumene einer Streitkultur?“ an der Humboldt-Universität – sein Thema: „Wege zur Einheit nach der Kirchenspaltung“. Mit Blick auf 2017 zog er Bilanz. Dabei problematisierte er, dass die EKD die Reformation als Pluralisierungs-Schub positiv bewerte. Voraussetzung für eine Überwindung der Kirchenspaltung sei hingegen aus katholischer Perspektive gerade das Ziel der kirchlichen Einheit.

Drei Tage später präsentierte der Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider mit den beiden Vorsitzenden der Kammer für Erziehung, Bildung, Kinder und Jugend, Annette Scheunpflug und Friedrich Schweitzer, die neue Denkschrift des Rates der EKD zum Religionsunterricht – ihr Titel: „Religiöse Orientierung Gewinnen. Evangelischer Religionsunterricht als Beitrag zu einer pluralitätsfähigen Schule“. Sie baut auf die 1994 erschienene Denkschrift „Identität und Verständigung. Standort und Perspektiven des Religionsunterrichts in der Pluralität“ auf – und wird dabei der vorangeschrittenen weltanschaulichen Pluralisierung gerecht: zum einen hinsichtlich der wachsenden muslimischen Bevölkerungsgruppe und zum anderen angesichts der Konfrontation mit konfessionsfreien Schülern, vor allem in den östlichen Bundesländern.

Auf den ersten Blick mag es verwundern, dass im Gegensatz zu 1994 nun der Begriff „Identität“ im Titel fehlt – daraus resultierende Befürchtungen sind jedoch unbegründet, denn die Autoren der Schrift bekennen sich eindeutig zur evangelischen Positionierung des Religionsunterrichts. Friedliches Zusammenleben in einer pluralen Gesellschaft setzt für sie ein klares Bewusstsein über die eigene weltanschauliche Verwurzelung voraus. Der Dialog mit anderen Religionsgruppen trage nicht nur zu einer toleranten Gesellschaft bei. Zudem versprechen sich die Verfasser hiervon Anregungen für beide Seiten – etwa in der Diskussion über christliche und muslimische Gottesvorstellungen. Eine klare Bekenntnisorientierung des Religionsunterrichts bietet sodann auch Sicherheit für Eltern und Schüler: „Sie können sich darauf verlassen, dass hier nicht einfach persönliche Anschauungen oder Heilslehren vertreten werden, sondern dass es das Evangelium von Jesus Christus ist, an dem dieser Unterricht seine Grundlegung und Ausrichtung gewinnt“, heißt es in der Schrift.

Die Entwicklung von einem christlich-konfessionellen Pluralismus, wie er vor einem halben Jahrhundert dominant war, hin zu einem weltanschaulichen Pluralismus, in dem neben Katholiken und Protestanten weitere Gruppen nebeneinander stehen, birgt wiederum ökumenische Potentiale: „In diesem Horizont treten die konfessionellen Differenzen zwischen den christlichen Kirchen zurück, während die Notwendigkeit wächst, sich im Dialog mit islamischen Glaubensüberzeugungen zu verständigen und mit atheistisch geprägten Haltungen auseinanderzusetzen“, schreibt Nikolaus Schneider in seinem Vorwort. Und im selben Sinne betonte Friedrich Schweitzer am 6. November in Berlin das biblisch begründete Einheitsgebot für das Christentum – über Konfessionen hinweg. Dieses ist Grundlage für die konfessionelle Kooperation zwischen katholischem und evangelischem Religionsunterricht.

Hiervon ausgehend unterscheidet die Denkschrift „konsequent zwischen ökumenischen und interreligiösen Beziehungen“. Sie ist ein erster Schritt hin zu einer Neuverortung des Religionsunterrichts: Im Dialog mit anderen Weltanschauungen – und vielleicht auch als ein Beitrag zur Einheit der christlichen Konfessionen. Zunächst einmal drängt Nikolaus Schneider auf ökumenische Abkommen zum Religionsunterricht auf Länderebene – solche bestehen bisher nur in Niedersachsen und Baden-Württemberg.

Die EKD-Denkschrift ist im Buchhandel (5,99 Euro; ISBN 978-3-579-05974-7) und kostenfrei als PDF im Internet erhältlich: http://www.ekd.de/download/religioese_orientierung_gewinnen.pdf

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 46/2014.

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