Riesenburg als Erinnerungsort

Zum Gedenken an die Schlacht bei Tannenberg

Das Kriegsgeschehen auf deutschem Boden in den Jahren 1914 und 1915, das sich mit dem Begriff „Schlacht bei Tannenberg“ und der Person Paul von Hindenburg verbindet, gilt als prägendes Zentralereignis der ostpreußischen Provinzialgeschichte. Es hat sich jedoch ebenso in das Bewusstsein der Westpreußen eingeschrieben – nicht nur, da die aus dem Kriegsgebiet und vor dem russischen Militär geflohene Bevölkerung in westpreußischen Kreisen aufgenommen werden musste, wo sie von dem nahen Unheil berichtete. Auch drohte die Gewalt sich Richtung Weichsellinie auszuweiten. Dies konnte durch eben die Schlacht von Tannenberg und die sich anschließende Schlacht an den Masurischen Seen und die Masurische Winterschlacht abgewendet werden.

Da ist es nicht verwunderlich, wenn in dem nach Versailles gebildeten Regierungsbezirk Westpreußen dem Gedenken an die Schlacht bei Tannenberg – vom 26. bis 30. August 1914 – eine ähnliche Bedeutung zukam wie im ‚alten‘ Ostpreußen. Dies mag dadurch begünstigt worden sein, dass dieser östliche Teil des ‚alten‘ Westpreußen nun zum ‚neuen‘ Ostpreußen gehörte, was sich bis heute auf die Identität einiger hier in der Zwischenkriegszeit Geborener auswirkt, die sich selbst als „Ostpreußen“ bezeichnen.

Ein hervorragendes Beispiel für das westpreußische Tannenberg-Gedenken in der Zwischenkriegszeit stellt die Stadt Riesenburg dar. Hier wurde im Realgymnasium das Armee-Oberkommando eingerichtet, in dem Paul von Hindenburg als General und Erich Ludendorff als dessen Generalstabschef vom 24. August an die Schlacht vorbereiteten. Unter ihnen führte August von Mackensen das XVII. Armee-Korps. Am 25. August nächtigte Paul von Hindenburg im Hotel „Deutsches Haus“. Berichtet wird die Anekdote, dass er beim Aufbruch an die Front zum Hotelbesitzer sprach: „Nächste Nacht halten Sie mir das Bett noch warm. Aber wünschen Sie lieber nicht, dass ich zurückkomme. Denn dann wär’s Zeit, Reißaus zu nehmen.“ In dieser Geschichte spiegelt sich das Gefühl, unmittelbar vom Ausgang der Schlacht betroffen gewesen zu sein.

Vor diesem Hintergrund fanden die Strategen des Sieges über die russische Armee – Paul von Hindenburg, Erich Ludendorff und August von Mackensen – in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg fortgesetzte Anerkennung durch die örtliche Bevölkerung. Hierbei traten in besonderer Weise die traditionellen Akteure aus Adel und Militär in Erscheinung. So der Krieger-Verein Riesenburg, dem Generaloberst Erich Ludendorff am 17. August 1921 einen Besuch abstattete, anlässlich dessen auf dem Wrangelplatz Weltkriegsveteranen vor ihm antraten. Angesichts der nach 1918 dem Deutschen Reich alleine zugeschriebenen Kriegsschuld und mit Blick auf die immer wieder beschworene Dolchstoßlegende mögen solche symbolischen Akte der Erinnerung an einstige militärische Größe eine kompensative Funktion erfüllt haben.

Eine ganz ähnliche Situation ergab sich, als Generalfeldmarschall August von Mackensen am 16. August 1929 auf dem Riesenburger Marktplatz eine Parade des Frontsoldaten-Bundes „Stahlhelm“ abnahm. Mit dem Preußen-Prinzen August-Wilhelm marschierte in der ersten Reihe ein prominenter Teilnehmer mit. Angeführt wurde die Gruppe vom örtlichen Stahlhelm-Führer Kurt Hellwig. Der 1890 in Culmsee (Kreis Thorn) geborene Tischlermeister und Fabrikbesitzer musste 1922 aus dem Korridor aussiedeln und begründete eine neue wirtschaftliche Existenz in Riesenburg, wo er für die Deutschnationale Volkspartei Stadtverordneter und Rosenberger Kreistagsabgeordneter wurde. Hellwig, der nach dem Weltkrieg dem Grenzschutz Ost angehört hatte, wurde im November 1932 in den Reichstag gewählt und stimmte im März 1933 mit der Mehrheit der Abgeordneten für das Ermächtigungsgesetz der Regierung Hitler. Die hier skizzierten Schlaglichter aus seinem Leben illustrieren die Voraussetzungen für die ‚Machtergreifung‘ der NSDAP, die erst durch die Instrumentalisierung konservativer Kräfte möglich wurde – wobei gerade der ‚Held von Tannenberg‘, Hindenburg, eine Schlüsselrolle einnahm.

Der engen Verbundenheit, die die Stadt gerade zu ihm empfand, wurde im Mai 1923 durch die Verleihung der Ehrenbürgerschaft an den „genialen Meister der Feldherrnkunst und Befreier ostpreußischer Heimaterde als Zeichen dauernder Dankbarkeit“ (so der Ehrenbürgerbrief) Ausdruck verliehen. Hindenburg selbst nahm die Urkunde auf dem Marktplatz entgegen, wo ein Spalier Aufstellung genommen hatte, das die gesellschaftliche Breite der Begeisterung für seine Person verdeutlicht: Arbeiterverein, Frauenvereine der evangelischen und katholischen Kirche, Kriegerverein, Schulen und Schützengilde. Eine weitere Ehrung erfuhr Hindenburg – seit 1925 Reichspräsident – im Jahre 1928, als ihm das nahe Riesenburg gelegene Gut Neudeck als Geschenk übereignet wurde. Treibende Kraft der zum Ankauf des Gutes durchgeführten Spendensammlung war der in der Nachbarschaft lebende Politiker Elard von Oldenburg-Januschau. Auch er zählt zu den späteren konservativen Unterstützern der nationalsozialistischen ‚Machtergreifung‘.

Als – nun zumal in der Nachbarschaft lebender – Ehrenbürger war Hindenburg für die örtliche Bevölkerung nicht nur bei feierlichen Anlässen präsent. Zum Beispiel wird berichtet, dass er ein gern gesehener Gast bei Pferderennen auf dem Riesenburger Renn- und Turnierplatz war – den auch August von Mackensen besuchte. Hochbetagt starb Hindenburg 1934 auf Gut Neudeck und wurde im Tannenberg-Nationaldenkmal beigesetzt. Hier fand die Indienstnahme seiner Person und des Mythos Tannenberg durch die Nationalsozialisten ihren Höhepunkt, als Adolf Hitler am 7. August in seiner Rede zur Beisetzung sagte: „Es ist der letzte Triumph des alten Heeres, dass das nationale Deutschland im Jahre 1925 keinen besseren Repräsentanten fand als den Soldaten und Generalfeldmarschall des Weltkrieges. Und es ist eine der wundersamen Fügungen einer rätselhaften weisen Vorsehung, dass unter der Präsidentschaft dieses ersten Soldaten und Dieners unseres Volkes die Vorbereitung und Erhebung unseres deutschen Volkes eingeleitet werden konnte und er selbst endlich noch das Tor der deutschen Erneuerung öffnete.“

Etwas mehr als zehn Jahre später, im Januar 1945, wurde das Denkmal vor der heranrückenden Roten Armee teilweise gesprengt. Riesenburg wurde durch die Kriegshandlungen in weiten Teilen zerstört. Im stehengebliebenen Marienwerderer Tor ist heute die Sammlung des Riesenburgers Werner Zebrowski zu sehen – unter anderem wird die Verleihung der Ehrenbürgerschaft an Hindenburg dokumentiert. Die von Zebrowski herausgegebenen Bücher über Riesenburg sind eine zentrale Quelle für Riesenburg als Erinnerungsort an die Schlacht von Tannenberg gestern – und heute?

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DER WESTPREUSSE – Unser Danzig 11/2014.

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