Vergessene Hilfe im Kirchenkampf

Altlutheraner gewährten im „Dritten Reich“ Pfarrern der Bekenntnisgemeinden Gastrecht

Von Tilman Asmus Fischer

Gleich mehrfach sprach sich die Reformationsbotschafterin der EKD, Margot Käßmann, in den vergangenen Monaten dafür aus, die reformierten und anderen reformatorischen Kirchen in die Jubiläumsfeierlichkeiten bis 2017 einzubeziehen. Gleichzeitig mahnt nun Kirchenhistoriker Christian Neddens aufgrund neuer Forschungen den Blick auf eine weitere Gruppe an: die Altlutheraner – die sich heute in der Selbständig Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) organisieren.

Der altlutherische Theologe Neddens, der an der Universität des Saarlandes lehrt, hat ein Kapitel der gemeinsamen Geschichte ans Licht gehoben, das in den Landeskirchen und auch in der SELK lange vergessen war: den Zusammenhalt von Altlutheranern und Bekennender Kirche im Kirchenkampf, vor allem in den Jahren 1933 bis 1935. Auch in der altlutherischen Kirche, damals offiziell „Evangelisch-lutherische Kirche in Preußen“ fürchtete man die staatliche Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten. Diese Angst hatte einen historischen Hintergrund: die Verfolgung und Diskriminierung im Preußen des 19. Jahrhunderts, als das preußische Königshaus die unierte Landeskirche erzwang.

Die Kirchenleitung der Altlutheraner verfolgte in der Zeit des Nationalsozialismus zwar einen politisch neutralen Kurs, weil sie finanziell schwach war und wenige Mitglieder hatte. Im Laufe der 1930er Jahre führte sie als Zeichen der Loyalität einen Treueeid auf Adolf Hitler ein – Auswüchse wie der Arierparagraph der „Deutschen Christen“ waren jedoch nicht konsensfähig. Widerständiger als die Kirchenoberen verhielten sich einzelne altlutherische Diözesen und Gemeinden.

Hiervon legt vor allem Berlin ein Beispiel ab, wo es 1933 und 1934 wie überall in der Deutschen Evangelischen Kirche zur Suspendierung unliebsamer oder jüdischstämmiger Pfarrer kam. Diesen und den ausgegrenzten Bekenntnisgruppen innerhalb der landeskirchlichen Gemeinden gewährten altlutherische Gemeinden Gastrecht in ihren Gemeinderäumen und Kirchen: Zu den prominenten Gästen gehört etwa Eitel-Friedrich von Rabenau, Mitbegründer des Pfarrernotbundes und der Bekennenden Kirche – er feierte zeitweise mit seinen Weggefährten bei den Wilmersdorfer Altlutheranern Gottesdienst.

Auch Dietrich Bonhoeffer suchte neben anderen Protagonisten der „Widerständigen“ den Kontakt zur altlutherischen Kirche. Er war im Gespräch vor allem mit dem Berliner Superintendenten Beyreiß. Zeitweise wurde eine enge Kooperation mit der Evangelisch-lutherischen Kirche angestrebt. Vielleicht hätte sie sogar zur Heimat der nonkonformistischen bekennenden Protestanten werden können. Dem stand jedoch der Neutralitäts- und Loyalitätskurs der altlutherischen Kirchenleitung gegenüber.

Ein „Kairos, der verspielt wurde“, sagt Neddens heute bedauernd. Zur Lockerung der Kontakte zwischen der Bekennenden und Altlutherischen Kirche trug zudem bei, dass 1935 die Suspendierungen landeskirchlicher Pfarrer aufgehoben wurden. Da, wo sie nicht im Konflikt mit ihren Gemeinderäten standen, kehrten sie aus dem altlutherischen „Exil“ in ihre Kirchen zurück.

Die EKBO hat zusammen mit der Evangelisch-lutherischen Gemeinde Berlin-Mitte der SELK und dem Verein für Berlin-Brandenburgische Kirchengeschichte die „Gastfreundschaft in schwieriger Zeit“ mit einer Veranstaltungsreihe vom 9. bis 12. Oktober gewürdigt. Seitens der landeskirchlichen St.-Thomas-Gemeinde, in der Christian Neddens am 11. Oktober referierte, ging die Initiative hierzu von Pfarrer im Ruhestand Christian Müller aus. Am 12. Oktober hielt wiederum Ulrike Trautwein für die EKBO ein Grußwort in der SELK-Gemeinde Berlin-Mitte. Im Nachgang zum Themenjahr „Reformation und Politik“ wäre es wünschenswert, wenn diese Initiative zweier reformatorischer Kirchen für ihr gemeinsames Erinnern auch von der EKD aufgegriffen würde.

Ein Beitrag von Christian Neddens zum Thema erscheint in: Jürgen Kampmann und Werner Klän (Hg.): Union, Bekenntnis und kirchliche Identität 1817–2017, Göttingen 2013.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 44/2014.

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