„Gott… hat mich lassen wachsen im Lande meines Elends“

Zum Gedenken an Wilhelm Grüber, EKD-Bevollmächtigter in Ost-Berlin

„Im Lande meines Elends“ – so lautet der Titel des SPIEGEL-Leitartikels vom 27. Juni 1956. Keine Stilikone porträtierte damals das Hamburger Magazin, sondern einen Mann der Kirche: Heinrich Grüber – seit 1949 Bevollmächtigter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bei der DDR-Regierung. Er sollte der einzige Inhaber dieses Amtes bleiben – 1958 brach die SED-Regierung den Kontakt zu ihm ab; das Amt des ‚westdeutschen‘ Bevollmächtigten bei der Bundesregierung, zeitgleich zu Grüber mit Dr. Hermann Kunst besetzt, besteht bis heute fort.

Am 15. Oktober hat die EKD mit einer Feierstunde im Berliner Dienstsitz des Bevollmächtigten an die Schaffung dieser Schnittstelle zwischen Kirche und Politik – vor allem jedoch an die Berufung Heinrich Grübers – vor 65 Jahren erinnert. Den Festvortrag hielt Militärbischof Dr. Sigurd Rink, der selbst zu Wendezeiten über Grüber promovierte. Insbesondere sein Vortrag – jedoch auch die Ansprachen von Friederike von Kirchbach, Pröpstin der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesischen Oberlausitz, und des EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider – machten deutlich: Mit Heinrich Grüber oblag einer gesamtdeutschen Persönlichkeit die politische Vertretung der deutschen Protestanten.

Eine ‚gesamtdeutsche‘ Persönlichkeit war er in jeder Hinsicht – politisch, sozial, topographisch: Grübers Werdegang spiegelt die Ambivalenzen vieler im Nationalkonservatismus verankerter Protestanten, die später ein demokratisches Deutschland aufbauten; ebenfalls später aufs beste in der Gesellschaft vernetzt, entstammte Grüber selbst dem Proletariat der Industriestadt Stolberg; aufgewachsen im deutsch-niederländischen Grenzgebiet, entfaltete er in Berlin und Umland sein Wirken; zuletzt solidarisierte er sich mit den Opfern beider Totalitarismen auf deutschem Boden. Bereits diese Schlaglichter lassen erkennen, dass es sich um eine historische Identifikationsfigur für Menschen aus allen Landesteilen, sozialen Schichten und mit unterschiedlichen biografischen wie familiengeschichtlichen Prägungen handelt.

Als Grüber 1949 in sein neues Amt kam, lagen bereits Erlebnisse hinter ihm, die für mehr als ein ganzes Menschenleben genug waren: 1934 übernahm der bereits in Jugend- und Studienjahren diakonisch engagierte Theologe, nach Tätigkeiten in Dortmund-Brackel und Templin, eine Pfarrstelle in Berlin-Kaulsdorf. Ein Jahr zuvor war er der NSDAP beigetreten. Als jedoch die evangelischen Landeskirchen unter Einfluss der „Deutschen Christen“ mit ihrer ‚Selbstarisierung‘ begannen, war für Grüber die Hinwendung zum Pfarrernotbund und zur Bekennenden Kirche der einzig gangbare Weg. Das 1938 gegründete „Büro Grüber“ konnte über 1.000 Betroffenen, vor allem jüdischstämmigen Christen, zur Ausreise verhelfen – wofür er mit Eichmann persönlich verhandelte, gegen den er später in Israel als einziger deutscher Zeuge aussagen sollte. 1940 verhaftet, erlitt Grüber bis 1943 die Konzentrationslager Sachsenhausen und Dachau. Erst einflussreiche Beziehungen ermöglichten seine Entlassung.

Nach dem Krieg setzte sich Grüber nun für die Überlebenden der Shoah ein – ebenso jedoch auch für die anderen Opfer des Weltkrieges: Das von ihm mit aufgebaute „Evangelische Hilfswerkes“ half, die Not unzähliger Heimatvertriebener zu lindern. Noch heute erinnern Orte wie das aus einer Flüchtlingssiedlung entstandene Espelkamp an die Verdienste dieser Zeit. Die Sorge um die ihm und seinem Amt Anvertrauten prägten auch die folgenden Jahre: Junge Gemeinde, politische Häftlinge, kirchliche Baudenkmäler im Stadtbild von Berlin-Ost – lang ist die Liste der Sorgenkinder, derer sich Grüber gegenüber der DDR-Führung annahm, wo sich Gelegenheit bot. Für sie setzte er sich vor Ort ein, bis die DDR sich seiner anlässlich des zwischen EKD und Bundesrepublik abgeschlossenen Militärseelsorgevertrages entledigte und er ab dem Mauerbau nicht einmal mehr in der Marienkirche predigen konnte. 1975 starb er in Berlin-West.

„Gott… hat mich lassen wachsen im Lande meines Elends.“ Auf diese Genesis-Worte hatte Grüber sein Leben ausgerichtet – und sie haben ihn zu einem politischen Diakon gemacht, zu einem mutigen Bekenner in den wechselvollen Gängen seines Landes durch das 20. Jahrhundert. Wie werden wir uns an ihn erinnern? Seit dem 15. Oktober ist nun ein Triptychon von Grüber-Porträts aus unterschiedlichen Lebensphasen im Haus der EKD am Berliner Gendarmenmarkt zu sehen. Und Friderike von Kirchbach stellte in ihrer Ansprache ein Gedenk-Symposion zum Thema ‚Bedeutung von Kirche im Stadtbild‘ in Aussicht. Was aus diesen Gedenk-Initiativen folgt, gilt es abzuwarten.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DER WESTPREUSSE – Unser Danzig 11/2014.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s