Der Heilige Geist und die Physik

Diskussion zwischen Theologen und Naturwissenschaftlern: „Was können wir heute noch glauben?“

Von Tilman Asmus Fischer

Viel wird geredet und geschrieben über die Perspektiven des christlichen Glaubens – gerade in den neuen Bundesländern. „Pro Ethik“, „Wintermarkt“ statt „Weihnachtsmarkt“ – die Liste der Skandälchen und Aufreger ist lang. Hinter all diesen konkreten, in Schlagzeilen fassbaren Symptomen steht jedoch ein abstraktes Problem. Die Frage: „Was können wir heute noch glauben?“ Heute, in einer Zeit, in der die Naturwissenschaften den Ton angeben. Je lauter diese Frage wird, umso dringlicher wird auch der Auftrag an Theologie und Naturwissenschaft, den interdisziplinären Dialog zu beleben.

Hierum bemüht sich schon seit längerem Frank Vogelsang, Naturwissenschaftler, Theologe und Leiter der Evangelischen Akademie im Rheinland. Diese bietet mit dem Blog „Dialog Theologie & Naturwissenschaft“ eine Plattform für den Gedankenaustausch. Am 7. Oktober moderierte Vogelsang im Haus der EKD am Gendarmenmarkt für seine Kollegen von der Evangelischen Akademie zu Berlin eine Diskussion von zwei wichtigen Protagonisten des theologisch-naturwissenschaftlichen Gesprächs: dem EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider und dem Wissenschaftspublizisten Martin Urban. Beide hatten im vergangenen Jahr einen Briefwechsel zu der Frage herausgegeben: „Was können wir heute noch glauben?“

Dabei herrschte zwischen beiden Wissenschaftlern durchaus Konsens über den Wert und die Kraft des christlichen Glaubens – doch wie genau wirken Glaube und Heiliger Geist? Schon hier wurden entscheidende Differenzen deutlich. Während „Offenbarung“ für Urban ein kreativer Prozess im menschlichen Gehirn ist, kann Schneider nicht auf das Einwirken des Heiligen Geistes „von außen“ verzichten. Dieses jedoch würde für den Diplom-Physiker Urban wiederum das Energieerhaltungsgesetz infrage stellen.

So scheinen selbst nach langem Dialog bestimmte fachspezifische Annahmen einer umfassenden Übereinstimmung zwischen Theologie und Naturwissenschaft im Wege zu stehen. Dabei wurde im Gespräch zwischen den Vertretern beider Fachrichtungen deutlich: Die Theologie scheint sich in der „entspannteren“ Verhandlungsposition zu befinden. Denn, während die Naturwissenschaft ihre Regeln und Gesetze durch die theologische Behauptung der Existenz des Unbeweisbaren angegriffen sehen kann, kann die Theologie naturwissenschaftliche Aussagen eher annehmen. Übersteigt Gott doch schließlich ohnehin das menschlich Fassbare und ist daher parallel zur naturwissenschaftlichen „Wirklichkeit“ denkbar.

Diese Offenheit – Kritiker mögen von mangelnder Präzision sprechen – birgt natürlich die Gefahr, ihr Unwissenschaftlichkeit vorzuwerfen. Auch dies deutete sich in der Diskussion an. In diese schaltete sich der Physiker Gerhard Ackermann ein: Könne man es nicht dem Heiligen Geist zugestehen, auch mittels der physikalischen Gesetze zu wirken, fragte der ehemalige Präsident der Beuth Hochschule für Technik in Berlin. Man möchte die Frage anschließen: Würde mit diesem Ansatz nicht letztlich die Theologie die Naturwissenschaft entlasten? Denn das wissenschaftlich Erkannte und das – gegenwärtig – Unergründliche wären gleichermaßen als Teil der einen gottgewollten Schöpfung denkbar. Und damit wäre dann ja auch ein erster Lösungsansatz für die Frage gegeben: „Was können wir heute noch glauben?“ Nämlich: „Warum sollten wir wegen naturwissenschaftlicher Erkenntnisse nicht glauben?“

Blog „Dialog Theologie & Naturwissenschaft“: http://www.theologienaturwissenschaften.de

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 43/2014.

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