„Sündig und klein, aber dem Heiligen Geist ergeben“

Ein Sammelband präsentierte Texte von Berliner Häftlingen

Von Tilman Asmus Fischer

Das sind harte Worte: „In Deutschland freut sich niemand, dass du lebst“. Mit ihnen betitelt Eckart Wragge, ehemaliger Gefängnisseelsorger der Haftanstalt Berlin-Plötzensee, sein in diesem Jahr erschienenes Buch: Es präsentiert – meist lyrische – Texte von Gefangenen, ergänzt um Kurzbiografien und Zitat-Wolken zu einzelnen Themen. Diese Schlaglichter aus der Seelsorge an Straftätern – die mit bemerkenswertem Tiefgang daherkommen – hat der Berliner Künstler Thomas Werk eindrucksvoll illustriert.

„In Deutschland freut sich niemand das du lebst“ – das beschreibt eine kaum zu überwindende Spannung, in der der Herausgeber von 2003 bis 2012 Dienst an den Häftlingen leistete: „Wie kann ich einem Inhaftierten, über den, wie er sagt, sich in Deutschland niemand freut, zeigen: Es freut sich doch jemand? Allerdings werde ich ihn nicht entschuldigen“, schreibt Wragge. Er nahm diese Belastung auf sich und die Gefangenen öffneten sich ihm. Er erhielt von ihnen Texte, die sich aus der Extremsituation der Haft heraus mit den großen Themen befassen: Einsamkeit, Glück, Freiheit, Liebe,…

Aber was ist zu erwarten, wenn Straftäter sich zu diesen Themen äußern? Die Lektüre überrascht und verwandelt den Leser, der vielleicht mit Skepsis das Buch aufschlägt: Was haben Kriminelle schon zu Gewalt, Gebet und Jesus zu sagen? Und wie erst wird sich jemand artikulieren, der es noch nicht einmal schafft ein ordentliches Leben zu führen? Zunächst einmal wird der Leser feststellen, dass hier auf etwas über 70 Seiten Texte versammelt sind, denen ein literarischer Anspruch nicht abgesprochen werden kann.

Liest man weiter, kommt die Erkenntnis, dass diese Menschen ‚so ähnlich wie wir‘ empfinden. Einige Texte sprechen einem sogar aus dem Herzen. Da schreibt etwa ein Gefangener über Einsamkeit: „Ein Mensch in einem Raum ist nur ein Zimmer, zwei Menschen darin sind ein Heim. Die Nächte sind so lang und kalt.“ Die Menschen, die hier schreiben, haben sich durch Verbrechen aus der Mitte der Gesellschaft heraus begeben. Aber auch sie haben Sehnsüchte, beten, richten ihre Hoffnung auf Gott und entwickeln eine ganz eigene Form der ‚Frömmigkeit‘: „Sündig und klein, aber dem Heiligen Geist ergeben.“ Oder: „Der liebe Jott! Is det scheen, dat wa den haben!“ Kernig ist die Sprache bisweilen, aber ehrlich – und unverstellt der Blick, wie man ihn sich manchmal vielleicht auch jenseits der Gefängnismauern wünschen würde: „Jesus ist mein Kumpel von Jugend an.“

„Möge dieses Buch auf seine Weise dazu beitragen, dass Gefangene nicht nur als Täter, sondern als von Gott geliebte und kreativ begabte Menschen gesehen werden“, schreibt Dorothea Baeuer, Referatsleiterin für Spezialseelsorge in der EKBO, in ihrem Vorwort. Genau diesen Blick öffnet das Buch und bereichert damit seinen Leser – und vielleicht auch Gefangene, denen hiermit kein Persilschein ausgestellt wird, die jedoch erfahren können: ‚Da draußen‘ gibt es Menschen, die sich auf mich einlassen, ohne meine Tat zu rechtfertigen.

Das Buch zeigt jedoch nicht nur diese hoffnungsvolle und angenehme Seite der Gefangenen – von Begabung bis Kreativität. Es versucht vielmehr, sie in ihrer Ganzheit zu erfassen und ernst zu nehmen. Hierzu gehören dann eben auch die Schattenseiten: Das Interview mit einem Gefangenen, der sich als Stricher im Knast prostituiert; die Drohung „jedem Bullen eine Kugel verpassen“ zu wollen. Natürlich ist da die Frage: Kann man so was drucken? Aber vielleicht ist es ehrlicher, als wegzulassen, was zu Recht als anstößig empfunden wird.

Eckart Wragge (Hg.): In Deutschland freut sich niemand, dass du lebst. Wichern-Verlag, Berlin 2014. 14,95 Euro, ISBN 978-3-88981-378-7.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 42/2014.

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