Engel und Gräber

Auf den Spuren der Volksreligiosität in der Kaschubei

Die Kaschuben sind nicht nur „ein Renner“ des polnischen Tourismus und die Kaschubei nicht nur ein florierender Wirtschaftsraum. Die Landschaft und ihre Menschen sind auch geprägt von einer liebenswerten und ursprünglichen Religiosität – wie wir sie im urbanen Westeuropa oft vergebens suchen. Hiervon zeugen nicht nur der Kalvarienberg in Wielle oder noch heute stattfindende kaschubische Wallfahrten.

Des Glaubens und der religiösen Praxis des nördlichen Westpreußens nahm und nimmt sich dieses Jahr das Regionalmuseum Krockow, die Außenstelle des Westpreußischen Landesmuseums im Heimatgebiet, an.

Wie eng die Beziehung der Kaschuben zu „ihren“ Engeln ist, macht bereits ein Blick in die Sage von der „Erschaffung der Kaschubei“ deutlich: Es ist ein Engel der Barmherzigkeit, der den Herrgott mit den Worten „wie sollte ich fröhlich sein, wenn ich den dürren Sand und die zahllosen Steine in der öden Kaschubei sehe“ dazu bewegt, ihm ein „Fleckchen bevorzugter Erde“ zu überlassen – dieser „warf es in die Mitte der Kaschubei und nannte es Marienparadies“.

Derzeit zeigt das im ehemaligen Krockower Dorfgasthaus „Beim Herzog Mestwin“ beherbergte Museum an die 150 „Engelsboten in der Kaschubei“ – keine Sakralkunst des Mittelalters oder Skulpturen aus der Zeit des Erwachens der kaschubischen Nationalbewegung im 19. Jahrhundert, sondern Werke zeitgenössischer kaschubischer Künstler, die gleichsam Zeugnis eines über Jahrhunderte tradierten – aber gleichsam jeweils persönlich ausgeformten – Engel-Bildes sind. Unter den Künstlern ist auch der 2013 verstorbene Josef Chelmowski – einer der bedeutendsten kaschubischen Volkskünstler dieser Zeit. Bereits 2004 schrieb ein Kunstmagazin anlässlich einer Ausstellung in Bad Oeynhausen über Chelmowskis Engel: „Es sind apokalyptische Engel. Sie warnen vor der veränderten Welt, in der die Traditionen verwischen, die Gleichgültigkeit den Geist in Besitz nimmt, überall Chaos, Egoismus, Hass und Verzweiflung herrscht.“

In dieser Zeit – die einerseits Glaubhaftigkeit an naturwissenschaftliche Plausibilität koppelt und andererseits geprägt ist von der Sehnsucht nach transzendentaler Sinnstiftung – kann es nur fruchtbar sein, sich mit den „englischen Boten“ zu befassen. Wenn hierzu das fromme Volk der Kaschuben anregt, ist das nur gut so. Doch nicht nur für die kaschubische Volksgruppe liegen Religiosität und Heimatliebe eng beieinander.

Auch die Deutschen, die 1945 ihre angestammte Heimat verlassen mussten, fühlen sich noch heute in besonderer Weise dem Land verbunden, in dem ihre Vorfahren ruhen. Ihrer Gräber – der verwaisten Friedhöfe in der Kaschubei – soll sich die nächste Ausstellung annehmen. Schon vor wenigen Jahren waren mit dem Buch „Die Sprache der Steine lesen. Jüdische Spuren in Danzig und in der Kaschubei“ jüdische Friedhöfe erschlossen worden. Sollte es nun durch die Initiative der Außenstelle des Westpreußischen Landesmuseums gelingen, die Erschließung der Überreste der doppelten Auslöschung der Erinnerung(s-Orte) durch Vernichtungskrieg und Vertreibung voranzutreiben, wäre dies ein großer Gewinn.

Für Kontakte zu Zeitzeugen in der Bundesrepublik, die über die Friedhöfe und die Menschen, die auf ihnen ruhen, berichten können, ist das Krockower Regionalmuseum dankbar.

Tilman Asmus Fischer

Kontaktadresse:
Regionalmuseum in Krockow (Leiterin: Grażyna Patryn): http://www.zamekkrokowa.pl; ul. Zamkowa 1, 84-110 Krokowa – Polen; E-Mail: muzeum@zamekkrokowa.pl

Erschienen in: DER WESTPREUSSE – Unser Danzig 10/2014.

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