Heimatverlust im Film

Beiträge zur Aufarbeitung des deutschen Vertreibungsschicksals

Im April dieses Jahres hat der Bund der Vertriebenen den langjährigen ZDF-Historiker Guido Knoop mit der Ehrenplakette „für sein journalistisches Engagement bei der wahrhaftigen Vermittlung unserer Geschichte“ gewürdigt. Gewiss, Guido Knoop „schuf mit seinen Filmen Empathie für das Schicksal der Vertriebenen in einem nie gekannten Ausmaß“, wie Erika Steinbach anlässlich der Verleihung erklärte. Doch stehen neben Guido Knoop weitere Filmemacher, die in den letzten Jahren Heimatverlust in all seinen Facetten im Fernsehen und auf der Leinwand thematisiert haben – damit jedoch nicht in der Breite Bekanntheit erlangten wie der langjährige „ZDF-History“-Chef. Einige alternative Filme zum Thema sollen an dieser Stelle vorgestellt werden.

„Meiner Mutter Land“ (2005) heißt einer der klassischen Dokumentarfilme des in Berlin lebenden Filmregisseurs und FilmautorsMichael Majerski, der in Hinterpommern verbliebene Deutsche besucht und ihr Schicksal zu Wort kommen lässt: Wie hat sich ihre kulturelle Identität transformiert? Wie konnte sie bewahrt werden, wer musste sie begraben? Der Zuschauer trifft auf zerrissene Menschen – und ihre Erinnerungen an die Vorkriegszeit, die Besatzung durch die Rote Armee und Jahre der Polonisierung. Zweierlei zeichnet diesen Film aus. Zum einen benennt er ungeschönt die Verbrechen der Roten Armee, die vor allem Frauen östlich von Oder und Neiße erleiden mussten – Vergewaltigungen mit all ihren menschlichen Folgen: Die Frage nach einer Abtreibung oder dem Behalt des Kindes, familiäre Spannungen nach der Rückkehr der Ehemänner aus Kriegsgefangenschaft. Indem hochbetagte Frauen berichten, was ihren Müttern und Gleichaltrigen geschah, bringt der Film vielfach Verschwiegenes zur Sprache. Zum anderen behalten die Zeitzeuginnen dabei ihre Würde und Authentizität – auch, weil Majerski sie in ihrem Lebensumfeld filmt, sprechen lässt und vor allem aussprechen lässt. Dies unterscheidet seine Filme von beliebten Fernseh-Dokumentationen, in denen der Zeitzeuge inszeniert, im Studio gefilmt und das Filmmaterial danach auf wenige Sekunden zusammengeschnitten wird.

Das Vertreibungsschicksal der Deutschen – das eben auch die Heimatverbliebenen betrifft – ist jedoch nicht nur ein Thema deutscher Filmproduktionen. Vor drei Jahren kam mit „Róża“ (Regie: Wojciech Smarzowski) ein bemerkenswerter Spielfilm in die polnischen Kinos. Er erzählt die Geschichte von Tadeusz Mazur, einem Veteran des Warschauer Aufstandes, und der verwitweten Deutschen Róża, die ihn im Sommer 1945 auf ihrem Hof in Masuren aufnimmt – sie bilden eine Zweckgemeinschaft, verlieben sich ineinander. Diese Beziehung zieht den Groll polnischer Nationalisten und der sowjetischen Militärverwaltung auf sich: Wird Róża in Masuren bleiben können? Tadeusz wird zum Verhör vorgeladen, gefoltert und verschleppt… Der Film zeigt nicht nur die Folterung und die sozialen Missstände der Nachkriegszeit äußerst drastisch – auch die Überfälle und Vergewaltigungen durch Rotarmisten werden schonungslos vor Augen geführt. Dies sollte sich nur ansehen, wer starke Nerven hat. Demjenigen, der hierfür jedoch die Kraft aufbringt, zeigt der Film die Konflikte und Brüche zwischen Deutschen, Polen und der Roten Armee auf – wenn auch bisweilen der deutsch-polnische Gegensatz durch die Bezeichnung „Masuren“ für die angestammte Bevölkerung verschleiert wird.

Für das sudetendeutsche Schicksal und im Bereich des Dokumentarfilms kann der 2010 in Tschechien erschienene Film „Töten auf Tschechisch“ von David Vondracek als Entsprechung gelten. Die – auf Grundlage eines Amateurfilms aus der Zeit der „Austreibung“ entstandene – exemplarische Dokumentation eines an Deutschen begangenen Massakers wurde sogar von Guido Knoop für eine „History“-Ausgabe übernommen: Freilich gekürzt und unter Voranstellung eines weiteren Films über die von Deutschen begangenen Verbrechen im Generalprotektorat Böhmen und Mähren. Inzwischen ist „Töten auf Tschechisch“ auf DVD in einer deutschen Fassung in voller Länge erhältlich. Es stellt sich die Frage, warum ein polnischer Spielfilm wie „Róża“ bisher nicht in deutscher Tonfassung in deutschen Kinos zu sehen war – und warum, wie berichtet, es nicht möglich war, die Erstausstrahlung von „Töten auf Tschechisch“ so zu gestalten, dass die vom Regisseur intendierte Aussage dem deutschen Zuschauer unverändert ersichtlich wird.

Wenn seine Gestaltung auch bisweilen skurril anmutet – mal trabt ein animierter Elch durchs Bild, bisweilen überfordern hart geschnittene Bildcollagen das Auge: Der Film „Königsberg Is Dead“ (zu Deutsch „Königsberg ist tot“), eine deutsch-französische Produktion aus dem Jahr 2004 (Regie: Max Zeitler und Gilbert Barillé), darf in dieser Zusammenstellung nicht fehlen. Deshalb nicht, weil sich der Film auf die Suche nach einer in Bombardierung und Vertreibung untergegangenen Erinnerungslandschaft macht – und damit den Diskurs über eine ehemals deutsche Stadt in den Mittelpunkt stellt. Durch die geschickte Gegenüberstellung von Zeitzeugenaussagen und Aufnahmen, etwa vom Ostpreußentreffen, entlarvt der Film verfestigte Erinnerungsbilder der Vertriebenen, ohne ihnen das Recht auf ihre je subjektive Erinnerung abzusprechen. Ebenso suchen die Filmemacher Menschen im heutigen Ostpreußen auf und analysieren, wie sich die heute dort lebende Bevölkerung der durch die Geschichte aufgezwungenen Auseinandersetzung mit dem Mythos Königsberg stellt. Im Blick auf die heutige Lage in Nordostpreußen wird kein Blatt vor den Mund genommen: soziale Notstände, wie die Wirtschaftslage und die erschreckende Aids-Verbreitung werden beim Namen genannt. Ihnen steht gegenüber: Das alte Königsberg – Heimat der Erinnerungen seiner früheren Einwohner, historischer Referenzpunkt der heutigen Bewohner.

Weitere zu empfehlende Filme (eine Auswahl): Aghet – Ein Völkermord (Eric Friedler, Deutschland 2010, thematisiert den Völkermord an den Armeniern); Wintertochter (Johannes Schmid, Deutschland / Polen 2011, Jugendfilm); weitere Filme von Michael Majerski: http://www.arkonafilm.de.

Tilman Asmus Fischer

Der Text entstand auf Grundlage eines Vortrages bei der Pfingsttagung des Akademischen Freundeskreises Danzig-Westpreußen e.V. 2014.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s