Zum Sterben in die Schweiz

Diskussion der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Landesverbandes des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU zu einem aktuellen Thema

Von Tilman Asmus Fischer

„Heiler werden zu Henkern“ – solche Bilder prägen die hierzulande neu entbrannte Debatte um Sterbehilfe beziehungsweise die Strafbarkeit von „assistiertem Suizid“. Dahinter ragt ein umfassendes Problem auf: Der gesamtgesellschaftliche Diskurs über den Wert des menschlichen Lebens und wie man mit ihm umgeht.

Zwar sei der individuelle Wunsch, gesundheitlichem Leiden durch Sterbehilfe ein Ende zu setzen, zu respektieren, sagt der Berliner Dogmatikprofessor Notger Slenczka – jedoch: „Jede individuelle Entscheidung ist immer auch von anthropologischen Vorgaben geprägt.“ Soll heißen: Wenn ich mich für oder gegen mein – als „lebenswert“ oder „lebensunwert“ befundenes – Leben entscheide, sagt dies etwas darüber aus, wie die Gesellschaft, in der ich lebe, über Lebensschutz denkt.

Gemeinsam mit seinem Kollegen aus der Juristischen Fakultät der Freien Universität Berlin, Gerhard Seher, nahm Notger Slenczka am 26. August an einer Diskussion der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Berlin-Brandenburgischen Landesverbandes des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU teil. Obwohl der Strafrechtler selbst Bedenken gegenüber der grundsätzlichen Strafbarkeit von Suizid-Assistenz hat, regte er an, darüber nachzudenken, was ihre Straflosigkeit als sichtbare Aufhebung ihrer gesellschaftlichen Ächtung bedeuten könnte.

Oberkirchenrat Joachim Ochel, der an der Veranstaltung teilnahm, verwies auf aktuelle Schweizer Untersuchungen. In ihnen sieht der Theologische Referent beim Bevollmächtigten des Rates der EKD bei der Bundesregierung und der Europäischen Union die Gefahr von „sozialen Kollateralschäden einer zweiten Option am Lebensende“ bestätigt: Laut einer Studie des Instituts für Rechtsmedizin in Zürich hat sich die Zahl der Ausländer, die sich im Zürcher Kanton das Leben nehmen ließen, innerhalb von vier Jahren bis 2012 verdoppelt. Die dramatischen sozialen Folgen einer „Normalisierung des Suizids“ würden deshalb rechtfertigen, organisierte Suizidassistenz unter Strafe zu stellen.

Was wäre dem Gesetzgeber angesichts dieser Gefahren zu raten? Auf dem Podium, zu dem auch die Wannsee-Hospiz-Geschäftsführerin Angelika Behm und der Mediziner Jürn von Stünzner-Karbe gehörten, wurde über das Für und Wider eines Straftatbestandes „Suizidbeihilfe“ kontrovers diskutiert. Aber die Teilnehmer waren sich in einem Punkt einig: Gesetzliche Regelungen sollten dafür verwendet werden, die Beratung für Patienten mit Sterbewunsch und die Aufklärung über die vielfältigen Möglichkeiten der Palliativmedizin und Sterbebegleitung auszubauen.

Doch wird man nicht alleine dabei bleiben können, Informationskampagnen anzustoßen und Todkranke möglichst vom Suizid abzuhalten. Vielmehr dürften sich gerade dann Kirche und Gesundheitssystem in der Verantwortung sehen, verstärkt konkrete Hilfe zu leisten. So habe Religion auch „als Anleitung zum Sterben eine lange Tradition“, erinnerte Notger Slenczka. Sie habe die Möglichkeit, Menschen auf den Tod vorzubereiten und sie bei der Klärung mit sich selbst zu unterstützen. In genau diesem Sinn sei die Kirche heute in der Bringschuld und müsse mehr entsprechende Angebote machen.

Aufrüsten muss jedoch auch die Medizin – machten Jürn von Stünzner-Karbes Ausführungen deutlich: Zwar sei die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) mittlerweile, von kleinen Lücken abgesehen, bundesweit flächendeckend ausgebaut – doch scheint die Verzahnung mit Allgemein- und Fachmedizinern mangelhaft. Durch fehlende Patienteninformation bliebe vielen die ihnen gesetzlich zustehende Hilfe vorenthalten, führte der in Briesen niedergelassene Internist aus – Aufklärung tut also auch unter Medizinern Not. Aufklärung auch über die jedem einzelnen Arzt offenstehenden Möglichkeiten zur Schmerzbehandlung: So würde nicht einmal die Hälfte seiner deutschen Kollegen über die Betäubungsmittelrezepte verfügen, mit denen etwa Morphium verschrieben werden kann. Dabei, erläuterte von Stünzner-Karbe, seien diese lediglich bei der Bundesoptiumstelle anzufordern.

Weitere Informationen auf der Themenseite „Sterbehilfe“ der Konrad-Adenauer-Stiftung: http://www.kas.de/wf/de/21.94/

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 36/2014.

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