„Deutschland geht nicht ohne uns“

Der Tag der Heimat 2014 markiert eine Zäsur für den Bund der Vertriebenen

„Der Tag der Heimat geht nicht nur die Vertriebenen an“, verkündete Erika Steinbach in ihrer Ansprache zum diesjährigen Tag der Heimat bei der Auftaktveranstaltung am 30. August in Berlin. Und dass das so ist, ist in nicht geringem Maße eben auch ihr zu verdanken.

So lautete das diesjährige Motto der Veranstaltung auch: „Deutschland geht nicht ohne uns“. Die Bundesstiftung „Flucht Vertreibung Versöhnung“, der nationale Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung, Landesgedenktage in mehreren deutschen Bundesländern, die mediale Thematisierung der stalinistischen Vertreibungsverbrechen im Kontext der Geschichte des 20. Jahrhunderts – all dies sind Verdienste, die sich mit der 16-jährigen Amtszeit der Frankfurter Bundestagsabgeordneten als Präsidentin des BdV verbinden. Sie alle kamen bei ihrem letzten im Amt begangenen Tag der Heimat nochmals zur Sprache. Zuvor wurde Bundeskanzlerin Angela Merkel mit der Ehrenplakette des BdV in Gold geehrt – einer neu geschaffenen Rangstufe der höchsten Verbandsauszeichnung. Zudem hielt die deutsche Regierungschefin auch die Festrede, bevor sie zu einem europäischen Gipfeltreffen aufbrechen musste. Das Geistliche Wort und das Totengedenken gestaltete der Erfurter Weihbischof Reinhard Hauke, der das Amt des Beauftragten der Deutschen Bischofskonferenz für die Vertriebenen- und Aussiedlerseelsorge bekleidet. Ein Grußwort hielt, und dies nicht zum ersten Mal, ein offizieller Vertreter der Republik Ungarn: Parlamentspräsident László Kövér.

Uraufgeführt wurde – als Teil der musikalischen Umrahmung durch die Potsdamer Turmbläser – die Volkslied-Trilogie „Land der dunklen Wälder“, die der in Mallenuppen, Ostpreußen, geborene Komponist Siegfried Matthus schuf. Der Klangteppich, in den die Melodien des „Ännchen von Tharau“, von „Die Gedanken sind frei“ und des ‚Ostpreußenliedes‘ „Land der dunklen Wälder“ hineingewebt sind, ergriff die Zuhörerschaft merklich. So erklangen nicht nur die Instrumente des Blechbläserensembles. Zu ihnen gesellte sich ein leises Summen – Stimmen aus der Ferne, so als meldeten sich in den Klängen die in der Heimat und auf der Flucht von dieser Welt Gegangenen zu Worte.

Doch war die Veranstaltung nicht nur vom Blick in die Vergangenheit geprägt, sondern richtete die Augen auch in die Zukunft. Hervorzuheben ist dabei insbesondere die Würdigung des Einsatzes einzelner für die in der Heimat verbliebenen Deutschen durch die Bundeskanzlerin. Man könne nicht dankbar genug sein für diejenigen, die „aus Deutschland heraus helfend die Hand reichten“, sagte Merkel, die die hohe Bedeutung der Sprach- und Identitätsbindung innerhalb der deutschen Volksgruppen unterstrich. Womöglich wird dieses Thema unter Steinbachs Nachfolger, Dr. Bernd Fabritius, der selbst als Deutscher in Siebenbürgen aufwuchs und erlebte, was es heißt, in der Minderheit zu leben, noch stärker das ‚operative Geschäft‘ prägen. Der Tag der Heimat zeuge nicht nur von Vergangenheit, „sondern ebenso von einer Zukunft, die wir noch gestalten können“, so die Worte des ungarischen Parlamentspräsidenten. Für ein gemeinsames Europa aller Nationen hob er vor allem die Bedeutung einer Besinnung auf die gemeinsame christliche Kultur hervor. Von diesem versöhnlichen Geist zeugte auch Weihbischof Haukes Andacht über die Worte aus Matthäus 25: „… Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

So, als wolle sie ihrem Nachfolger noch die inhaltliche Essenz ihres Wirkens und Denkens mitgeben, spannte Erika Steinbach in ihrer Rede den historischen Bogen zwischen dem 8. Mai 1945 und dem 9. November 1989. Den 8. Mai einseitig als „Tag der Befreiung“ zu feiern, verurteilte die scheidende Präsidentin als rein westlichen Blick, der die Leiden des östlichen Teils Europa nach 1945 übersehe. Demgegenüber habe erst der 9. November 1989 Menschenrechte auch im östlichen Europa umfänglich möglich gemacht.

Tilman Asmus Fischer/kann

In ähnlicher Form erschienen in: WOCHENBLATT.pl – Nachrichten der Deutschen in Polen 36/2014 (www.wochenblatt.pl).

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