Für Bürger- und Freiheitsrechte

Früher war er Pressesprecher der Stasiunterlagenbehörde, heutet leitet David Gill das Bundespräsidialamt

Von Tilman Asmus Fischer

„Vor der Einheit kam die Freiheit“ – gemäß dieser These wird in diesem Jahr Bundespräsident Joachim Gauck den 9. Oktober in Leipzig mit einem Staatsakt begehen in Erinnerung an 1989, als dort 70 000 Menschen unerwartet gegen die SED protestierten. Damit spricht er vielen Oppositionellen der Wendezeit aus dem Herzen. So auch seinem engsten Vertrauten, dem Staatssekretär und Chef des Bundespräsidialamtes David Gill: Es sei heutzutage wichtig, „an den Mut und die Aufbruchsstimmung der Menschen zu erinnern, die damals sagten: Wir wollen etwas bewegen – nicht aus Egoismus, sondern für die Gesellschaft“.

Der Sohn des Herrnhuter Bischofs Theodor Gill studierte Ende der 1980er Jahre am Berliner Sprachenkonvikt Theologie. „Hier und da“ habe er damals demonstriert – in Berlin, Leipzig. Jeden Monat besucht er den „offenen Abend“ im Herrnhuter Kirchensaal des Bonhoeffer-Hauses in Berlin, diskutiert mit Studenten aus Ost und West. Der Pfarrer nimmt ihn mit zu „Demokratie Jetzt“. Dann erfährt David Gill aus den Nachrichten: Das Bürgerkomitee zur Auflösung der Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit braucht Hilfe. Eigentlich habe er nur eine Nachtwache mitmachen wollen, erinnert er sich. Dies tut er auch, doch kommt er hier mit anderen ins Gespräch, wird zu Planungstreffen mitgenommen. Wenige Tage später wählt man ihn zum Vorsitzenden des Komitees.

Warum sind es gerade so viele Männer und Frauen der Kirche, die man in diesen Tagen zu Verantwortungsträgern wählt? Sie seien es eben gewohnt gewesen, „offen zu diskutieren, was einem sonst in der DDR aberzogen wurde“, erklärt sich David Gill diese Entwicklung. Die Fähigkeit zum offenen Wort lernte er selbst nicht nur in den Herrnhuter-Gemeinden seiner Kindheit, in Gnadau und Herrnhut. Als prägend bezeichnet er auch seine Schulzeit am Kirchlichen Oberseminar in Potsdam-Hermannswerder.

Nach der zehnten Klasse war ihm, wie bereits seinen älteren Geschwistern, das Abitur an einer staatlichen Schule verwehrt worden. David Gill macht eine Klempner-Lehre, bevor er in Potsdam sein Abitur nachholt. „Hermannswerder war eine geistige Insel – und gleichzeitig große Freiheit“, erinnert er sich. Nicht nur, dass hier ideologische Begrenztheit selten war – es gab auch eine demokratische Schülervertretung. All dies sei für seinen späteren Werdegang sehr hilfreich gewesen, sagt Gill.

Bereits mit Mitte zwanzig hat David Gill viel erreicht – gemeinsam mit Joachim Gauck baut er die Stasiunterlagenbehörde auf, wird ihr Pressesprecher. Doch er will sich weiterentwickeln und erkennt in der Juristerei ein „gutes Handwerkszeug“ für den Politikbetrieb, beginnt ein neues Studium. Nach vielfältigen Positionen, etwa beim Berliner Datenschutzbeauftragten, wird er 2004 Oberkirchenrat, Stellvertreter des Bevollmächtigten des Rates der EKD bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union. Der „Idealjob“, wie er damals sagte. Denn über alle Entwicklungen hinweg hat sich David Gill zweierlei erhalten: den Einsatz für Bürger- und Freiheitsrechte sowie die christlichen Wertvorstellungen als Handlungsgrundlagen.

So spannend die Aufgaben bei der EKD waren, er folgt Joachim Gauck 2012 gern nach Bellevue: „Das gibt es eben nur einmal in der Bundesrepublik.“ Dass das Staatsoberhaupt und sein Amtschef Männer der kirchlichen DDR-Opposition sind, findet mediale Aufmerksamkeit. Ihre Herkunft präge ihn und Gauck, sagt Gill – jedoch: „Jetzt sind wir nicht mehr Pastor und Oberkirchenrat.“ Dies müssten einige Menschen noch realisieren, die dem Präsidenten mit falschen Erwartungen begegnen – doch versichert Gill: „Das wirft uns nicht aus der Bahn.“

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 35/2014.

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