Zeuginnen der neuen Lehre

In der Reformationsgeschichte kommen Frauen kaum vor – eine Ausstellung möchte das ändern

Von Tilman Asmus Fischer

Frauen und Reformation – ein Thema, über das immer wieder geklagt wird, es sei historisch und theologisch unterbelichtet. Warum? Die Antwort mögen die geben, die die Reformationsgeschichte(n) schreiben. Fest steht jedoch: Es ist ein zentrales Thema – vor allem, wenn man Reformationsgeschichte nicht nur als Theologie-, sondern auch als Kultur- und Sozialgeschichte betrachtet.

Zwei Gedanken hierzu: Aus der Abwendung vom Zölibat ging das evangelische Pfarrhaus hervor – und dies schuf mit der Pfarrersfrau einen neuen Rollentyp. Was bedeutete es für eine Frau, Wegbegleiterin, Mitstreiterin eines reformatorischen Theologen zu sein? Das Zeitalter der Reformation dokumentiert sich in unzähligen Flugschriften – sie stammen nicht nur von männlichen Verfassern, denn auch Frauen publizierten im Sinne der Reformation. Was trieb sie an?

Schon diese Fragen machen deutlich: Es handelt sich um ein weites Feld. Erste öffentlichkeitswirksame Annäherungen unternehmen derzeit die Ausstellung „Eine starke Frauengeschichte“ auf Schloss Rochlitz in Sachsen und ein gleichnamiger Begleitband mit unterschiedlich starken Aufsätzen.

Doch wird und sollte das Thema die Reformationsdekade auch darüber hinaus beschäftigen – es wäre mithin ein Gewinn, wenn nach 2017 Frauen ganz selbstverständlich als Teil des historischen Ereignisses „Reformation“ verstanden würden. „Die Frauen“ sind eine Gruppe, die aufgrund der Strukturen des 16. Jahrhunderts im Endeffekt politisch-gestalterisch und wissenschaftlich nur bedingt zum Gelingen der Reformation beitragen konnte. Aber: Sie beweisen die unmittelbare Wirksamkeit reformatorischer Theologie für die Lebenswirklichkeit der Frauen.

„Sola Scriptura“ – „Allein die Schrift“ als Maß der Dinge war eines der Anliegen der Wittenberger in der Diskussion um den rechten Glauben. Diese Berufung auf die Schrift ermöglichte es Frauen, einzufordern, gehört zu werden.

Dies tat etwa die mitteldeutsche Adelige Ursula Weyda, die sich mit einer Flugschrift „wyder das unchristlich schreyben und Lesterbuch“ des benachbarten Abtes Simon Blich von Pegau wandte und die Priesterehe einforderte. Während Ursulas Mann die Ambitionen seiner Frau unterstütze, wandte sich die eigene Familie von der bayerischen Reformationsbefürworterin Argula von Grumbach ab. Sie hatte die Stadt Ingolstadt für die Ausweisung eines Wittenberger Theologen kritisiert.

Diese publizierenden Frauen sind weitgehend vergessen. Aber zumindest die Pfarrfrauen der ersten Stunde haben eine prominente Vertreterin: Katharina von Bora, die Frau Martin Luthers. Aber auch Ehefrauen und Witwen deutscher Landesherren unterstützten reformatorische Bestrebungen, so Elisabeth von Brandenburg, deren Sohn Joachim II. die Kirche in Brandenburg reformierte. Andere gebildete Frauen machten sich als Lehrerinnen und Erzieherinnen um die Verbreitung der neuen Lehre verdient.

Die hier angesprochenen Aspekte vertieft die Lektüre des Katalogs „Eine starke Frauengeschichte. 500 Jahre Reformation“. Das Buch beschreibt den Beitrag von Frauen zur Reformation und gibt historische Orientierung. Damit trägt es zu einer nachträglichen Gerechtigkeit für eine lange vergessene Gruppe bei. Leider erscheinen einige Passagen durch eine Gender-Ideologie instrumentalisiert, die im Sinne aktueller politischer Debatten Geschlechterunterschiede negiert. Etwa wenn darüber spekuliert wird, ob Cranachs Jesus-Darstellungen eine „neue Männerrolle“ mit „weiblichen“ Zügen propagierten. In der großen Linie können solche Irritationen den Wert des Buches jedoch nicht schmälern.

Simona Schellenberger und andere (Hgg.): eine STARKE FRAUENgeschichte. 500 Jahre Reformation. Sax-Verlag, 2014. 120 Seiten, 9,90 Euro, ISBN 978-3-86729-132-3.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 32/2014.

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