Glaube – mehr als eine Privatsache

Eine ungarische Religionspädagogin aus Transkarpatien baut in Berlin Brücken zur evangelischen Diaspora in Osteuropa

Von Tilman Asmus Fischer

Geht die Ukraine den Weg nach Europa? Das fragt sich derzeit mancher. Dabei lebt im westukrainischen Transkarpatien bereits eine beträchtliche Zahl EU-Bürger. Denn 2010 ermöglichte die ungarische Regierung ihren Landsleuten im Ausland die doppelte Staatsbürgerschaft. Da Transkarpatien bis 1920 zu Ungarn gehörte, stellen Ungarn hier in den meisten Gemeinden die Bevölkerungsmehrheit. „Nun können wir endlich ohne Visa nach Ungarn und in die EU reisen“, freut sich Natalia Moljak. Vor allem für ihre Freunde daheim – denn sie selbst lebt schon seit sechs Jahren in Berlin, wo sie an der Evangelischen Hochschule Religionspädagogik studiert.

Aus der reformierten Kirche Transkarpatiens, wo sie 1987 in Eszeny geboren wurde, bringt sie eine kirchliche Tradition mit, die sie im säkularen Berlin kaum wiederfindet: „Glaube ist hier Privatsache“ – in ihrer Heimat dagegen sind Familie und Kirche die Säulen des sozialen Miteinanders. Nicht nur, dass ihre Heimatkirche eine deutlich konservativere Moraltheologie vertritt. Es ist auch die Verflechtung von kirchlichen, kulturellen und nationalen Traditionen, die sie „Deutschen nur schwer verständlich machen kann“, wie sie oft feststellt: „Zum Beispiel, dass in unserer Kirche die ungarische Fahne hängt.“ Dies erklärt sich aus der identitätsstiftenden Bedeutung der Kirche für die reformierte Diaspora, die sich aus einer nationalen Minderheit bildet.

Wie wichtig die konfessionelle Erziehung von Kindern für den Fortbestand der Kirche ist, erlebte sie in der eigenen Familie. Die Generation ihrer Eltern war – im Kommunismus aufgewachsen – mit den religiösen Traditionen der Vorfahren nicht mehr vertraut. So waren es die Großeltern, die ihr und ihrem Bruder die Traditionen vermittelten. Angeregt von den eigenen Kindern fanden dann erst die Eltern zu einer kirchlichen Praxis zurück, die ihrem christlichen Empfinden entsprach. Als Angehörige der Diaspora wird Natalia Moljak durch das Gustav-Adolf-Werk (GAW) der EKBO unterstützt, zum Beispiel durch ein Jahresstipendium am Ende ihres Bachelorstudiums aus Mitteln der GAW-Frauenarbeit.

Auch sie selbst trägt zur Diasporaarbeit bei: „Ich nehme regelmäßig an Veranstaltungen teil und habe Kontakt zu den GAW-Mitgliedern aufgenommen, die längerfristig vorhaben, unsere Kirche in der Ukraine zu unterstützen.“ Zudem betreut sie neben dem Studium ukrainisch- und ungarischsprachige CVJM-Mitglieder, die als Freiwillige in kirchlichen Einrichtungen aktiv sind. So betätigt sie sich als Netzwerkerin, die Gemeinden in Deutschland mit der transkarpatischen Kirche zusammenbringt – ebenso wie mit Gemeinden in Ungarn.

Sie selbst hat ihr Gemeindepraktikum dort in Ödenburg (ungarisch: Sopron) geleistet. Menschen aus der Ukraine, Ungarn und Deutschland zusammenzubringen, das liegt ihr am Herzen. Damit leistet sie eine Arbeit, die jetzt, während wieder Gewalt im Osten Europas aufkommt, von großer Bedeutung ist. Daher hat sich Natalia Moljak auch entschieden, wenn möglich, als Religionspädagogin in Deutschland zu bleiben. In Berlin gilt sie bereits als Mittelsfrau zur ungarisch-ukrainischen Diaspora.

Verbindung stiften will sie nun auch zu den ungarisch-reformierten Gemeinden in Deutschland, die vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg von „Displaced Persons“ gegründet wurden, die aus unterschiedlichen Gründen nicht unter sowjetischem Einfluss leben konnten oder wollten. Sie bestehen weiterhin verstreut in größeren deutschen Städten. Als vor kurzem die Initiative zu einer gemeinsamen Konferenz ergriffen wurde, war Natalia Moljak selbstverständlich dabei.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 31/2014.

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