Kriegskinder, Historiker und die Evangelische Kirche

Gesprächspartner für die Vertriebenenpolitik – Teil 2

Ein Kommentar zum Zeitgeschehen

Mit der Kolumne „Auf ein Wort“ des vorvergangenen Monats Juni (DER WESTPREUSSE 6/2014) wurde die Frage aufgeworfen, welche politischen und gesellschaftlichen Kreise sich die organisierten Vertriebenen wieder oder neu erschließen sollten, um auch in Zukunft nicht ihre Sinnstiftung zu verlieren. Diese Frage soll mit zwei weiteren Beiträgen in der letzten und dieser Ausgabe exemplarisch mit Blick auf politische Parteien und gesellschaftliche Gruppen beantwortet werden. Denn neben den Parteien muss es auch gelten, anderen gesellschaftlichen Gruppierungen Aufmerksamkeit zu schenken, nicht um sie zu instrumentalisieren oder einseitig zu politisieren sondern, um sich – wo sinnvoll – gemeinsamen Herausforderungen zu stellen.

Kriegskinder und Kriegsenkel

Geradezu prädestiniert sind hierfür die Kriegskinder- und Kriegsenkelgruppen, die in vielen deutschen Städten zuletzt wie Pilze aus dem Boden schossen. Von der Bedeutung dieser neuen Bewegung zeugt nicht nur die zahlreiche Kriegskinderliteratur, sondern etwa auch der RBB-Rundfunkgottesdienst zum Volkstrauertag 2013. Er wurde gemeinsam von der Berliner Sophiengemeinde und einer Kriegsenkelgruppe gestaltet, deren einzelne Mitglieder seit Jahren enge Kontakte zum Frauenverband im BdV pflegen. Es ist ohnehin erstaunlich, dass der Frauenverband die einzige Bundesgruppe im BdV ist, der es bisher gelungen ist, systematisch einige dieser lose organisierten Arbeits- und Gesprächsgruppen als Partner zu gewinnen.

Dieser Fakt ist besonders bedauerlich, da sich unter den Kindern und Enkeln vor allem Vertriebenen- und Flüchtlingsnachfahren befinden. Was sie zusammenführt, ist das, was der Frauenverband schon seit Jahren unter den Stichworten „transgenerationelle Weitergabe“ von Kriegstraumata bzw. „lange Schatten“ thematisiert. Hierzu führt er regelmäßig öffentliche Veranstaltungen und Seminare durch. Es ist an den Vertriebenenverbänden, dem Beispiel folgend diesen Menschen auch hierüber hinaus Angebote zu machen, die es ihnen attraktiv erscheinen lassen, sich in Landsmannschaften und BdV-Gruppen zu engagieren.

Dem Aspekt der „langen Schatten“ und der „transgenerationellen Weitergabe“ Beachtung zu schenken, bedeutet, sich klar zu werden, dass es auch jenseits der Kriegskindergruppen, die dies explizit formulieren, diverse gesellschaftliche Kreise gibt, die ebenfalls mit der Tatsache konfrontiert sind, dass Flucht und Vertreibung bis heute nachwirken. So gibt Sibylle Dreher, die ehemalige Präsidentin des BdV-Frauenverbandes, zu bedenken:

„Gesprächspartner der Vertriebenen sind auch Seniorenvertretungen, Berufsverbände, Frauenverbände, der Sozialverband Deutschland, der Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge und natürlich die Museen, regionale und Landesmuseen, das Haus der Geschichte (Bonn, Leipzig, Berlin) und das Deutsche Historische Museum (Berlin), die Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft, Kirchengemeinden, Familienforschergruppen, Historikervereine, und viele mehr. Partner zu finden, das hatte ich schon vor 30 Jahren bei Referaten in landsmannschaftlichen Gruppen als Thema. Aber es hat keiner ernst genommen, was Jüngere sagten. Hoffentlich ist das heute anders.“

Familienforscher und Historiker

Anders als im Falle der Parteienlandschaft ist es mit Blick auf die vielfältigen gesellschaftlichen Gruppen nicht möglich, sie in diesem Rahmen auch nur annähernd vollständig zu erfassen. Wir müssen uns daher mit wenigen Schlaglichtern begnügen. Ein Erfolgsmodell ist die Symbiose von Vertriebenen und Familienforschern, die in der gemeinsamen Begeisterung des einzelnen für Familie und alte Heimat begründet liegt. Dabei betreiben nicht alle Landsmannschaftsmitglieder Familienforschung und nicht jeder ostdeutsche Familienforscher ist landsmannschaftlich organisiert. Aber beide Gruppen stehen sich mit gegenseitigem Interesse gegenüber und da, wo landsmannschaftliche Gruppen anspruchsvolle landeskundliche Arbeit betreiben, bestehen enge Verflechtungen.

Von diesen können beide – und nicht zuletzt die Vertriebenenorganisationen – profitieren, denn die entsprechenden familienkundlichen Verbände sammeln und organisieren eine nicht unbeträchtliche Zahl an Menschen mit größtem Interesse an der Heimatregion, ohne dass hiermit zwangsläufig politische Positionierungen oder Identitätsfestlegungen einhergehen. Ähnliches ließe sich auch umgekehrt formulieren. Alleine die Arbeitsgemeinschaft ostdeutscher Familienforscher zählt 850 Mitglieder – und neben ihr stehen diverse Vereinigungen von Spezial-Genealogen für kleinere geografische Einheiten.

Es darf also von gut mehreren Tausend Familienforschern ausgegangen werden, die sich mit den Vertreibungsgebieten befassen und Jahr für Jahr eine beträchtliche Reihe an Veranstaltungen und Publikationen anbieten. Geradezu idealtypisch sind die regelmäßigen Tagungen des Vereins für Familienforschung in Ost- und Westpreußen, die dem Dreiklang „Familiengeschichte – Ortsgeschichte – Regionalgeschichte“ folgen und damit einen Brückenschlag zwischen den nahestehenden Fachgebieten Familien- und Mikrogeschichte vollziehen. Solche Angebote sollten von Seiten der Familienforscher ebenso wie der landeskundlich aktiven Vertriebenen ausgebaut werden, um weitere Synergieeffekte zu erzielen.

Zukünftig wird es auch gelten, die Vernetzung zwischen Vertriebenen und der allgemeinen – universitären und hauptberuflichen – Historikerschaft zu intensivieren. Wie gut dies bereits funktioniert, zeigt die Mitarbeit des Bundes der Vertriebenen in der Stiftung Flucht Vertreibung Versöhnung. Auch die ostdeutschen Landesmuseen und ihre Trägerstiftungen sind Beispiele für eine produktive Zusammenarbeit. Neue Felder, in denen Vertriebene ‘gefragt’ sind, eröffnen sich durch die Historisierung der Vertriebenen selbst. Bemerkenswert sind etwa die neueren Forschungen zur Einflussnahme des Ministeriums für Staatssicherheit auf die Vertriebenenverbände, ebenso wie die vor allem aus soziopsychologischer Perspektive betriebenen Untersuchungen zur Identitätsbildung der Deutschen fern ihrer Heimat. Von einer Zusammenarbeit können beide Seiten – Forschung und Vertriebene – profitieren.

Die evangelische Kirche

Ein weiterer genuiner Partner der Vertriebenen ist die evangelische Kirche – innerhalb der EKD besteht ein eigener Konvent der ehemaligen evangelischen Ostkirchen. Wie man im persönlichen Gespräch aus der EKD vernehmen kann, bestehen dort „keine ernstzunehmenden Ressentiments gegenüber Vertriebenenverbänden“. Dass die ehemalige Kulturbeauftragte der EKD, Dr. Petra Bahr, 2010 Erika Steinbach im Streit um ihre Berufung in den Rücken fiel, mag schlicht und ergreifend zum ‘guten’ Ton gehören, wenn es auch nicht gerade zur Glaubwürdigkeit beiträgt.

Eine ganze Reihe anderer Anhaltspunkte spricht jedoch für die optimistische Einschätzung: Kirchenpräsident a. D. Klassohn leistet als Beauftragter des Rates der EKD für Fragen der Spätaussiedler und der Heimatvertriebenen eine wichtige Arbeit – auch der Beauftragte für deutsch-polnische Beziehungen, Bischof Dr. Hans-Jürgen Abromeit, pflegt ein positives Verhältnis zu den Vertriebenen. Angesichts dieser Rahmenbedingungen ist es letztlich erstaunlich, dass Kirche und Vertriebene abgesehen von symbolisch wertvollen Vollzügen, wie dem geistlichen Wort beim zentralen Tag der Heimat oder von Kooperationen auf Gemeindeebene, kaum gemeinsame politische Projekte zu betreiben scheinen.

Dabei gäbe es durchaus Anliegen, die auf Bundesebene von BdV und Kirche gemeinsam verfochten werden könnten: Da wären zum Beispiel die unzähligen verwaisten evangelischen Friedhöfe in den historischen Ostgebieten. Eine ganze Reihe lokaler, von Polen getragener Initiativen versucht, zumindest einige dieser Gedenkorte für die Nachwelt zu erhalten. Hier liegen Generationen der Vorfahren eines Teils der deutschen Vertriebenen. Gleichzeitig sind es Friedhöfe der früheren Evangelischen Kirche der Altpreußischen Union – in ihrer Tradition steht die heutige Union evangelischer Kirchen, der größte Kirchenbund innerhalb der EKD. Kirche und BdV haben beide Grund genug, die Bundesregierung zu ermuntern, diejenigen wertzuschätzen und zu unterstützen, die sich um die Pflege der Gräber (nicht nur) protestantischer deutscher Staatsbürger sorgen.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DER WESTPREUSSE – Unser Danzig 8/2014.

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