Gemeinde in Zeiten der Revolution

Die deutschen Lutheraner in Kiew und ihre Katharinenkirche wurden Zeugen der „Revolution der Würde“

Von Tilman Asmus Fischer

Mit nur 300 Mitgliedern ist sie die größte Gemeinde ihrer Kirche – St. Katharina in Kiew, Teil der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche der Ukraine. Die deutschen Protestanten, deren Gotteshaus 100 Meter vom Kiewer Präsidentenpalast entfernt steht, waren in den vergangenen Monaten im Brennpunkt der Ereignisse, die weltweite Aufmerksamkeit auf sich zogen. In diesen Monaten der Entscheidung war die 1857 eingeweihte Katharinenkirche bewusst nicht nur „Kirche des Gebets“, wie der von der EKD nach Kiew entsandte Pfarrer Ralf Haska berichtet.

Alle Kirchen der Ukraine waren von Anfang an – unter anderem mit Gebetszelten – dabei, als sich der Euromaidan formierte und die „Revolution der Würde“ begann, wie sie die Ukrainer nennen. Als Ende November 2013 die Regierung versuchte, den friedlichen Protest mit Gewalt zu zerschlagen, eskalierte die Situation und die Gemeinde war besonders gefordert. Denn vor dem Kirchenportal standen sich Protestierende und Sicherheitskräfte gegenüber.

Anfangs ging es um ganz praktische Hilfe: Demonstranten kamen in die Kirche, um sich aufzuwärmen – manche, von weit angereist, auch, um zu übernachten. Unter ihnen ein altes Ehepaar aus der Westukraine und ein orthodoxer Priester. Es wurde Suppe ausgegeben, für Demonstranten und Sicherheitskräfte – „immer für beide Seiten“, betont Ralf Haska. Später kamen die Ersten mit Lungenentzündung, im Februar dann auch mit Schussverletzungen. Ein geheimes Lazarett wurde im Obergeschoss eingerichtet, in der Bibliothek operiert. Und die Menschen hielten Stand: „Man kriegt ein Volk, das aufsteht und für seine Würde kämpft, nicht mit Scharfschützen tot“, blickt Haska zurück.

Überwältigend war die Hilfsbereitschaft der Gemeindeglieder. Dies sind in Kiew, neben Angehörigen der ansässigen deutschen Volksgruppe, Deutsche, die auf Zeit in der Stadt leben – und Menschen nicht-deutscher Abstammung, die auf ihrer Suche nach Gott zu den deutschen Lutheranern gefunden haben. Zu ihnen gesellten sich in den Tagen der Revolution Helfer, die nicht der Kirche angehören, jedoch nicht tatenlos bleiben wollten. Wichtigen materiellen und ideellen Rückhalt erfuhr und erfährt die Gemeinde von jeher – und nun besonders – aus den Reihen der deutschen Kirchen: „Sie haben uns unterstützt“, dankte Haska am 14. Juli auf einer Podiumsdiskussion, zu der das Berlin-Brandenburgische Gustav-Adolf-Werk in den Weißen Saal des alten EKU-Konsistoriums in der Jebensstraße in Berlin geladen hatte. Gerade in den schweren Wochen habe man gespürt, „da sind Menschen, die mit uns bangen und beten“.

Heute müssen zum Glück keine Verletzten mehr versorgt werden – doch werden die Opfer des letzten Winters weiterhin unterstützt: Aus dem Kreis der Ehrenamtlichen hat sich eine Vereinigung gebildet, die eine Datenbank erstellt, in der die Verbrechen und ihre Folgen dokumentiert werden. Das soll den Betroffenen später helfen, Ansprüche gegenüber dem Staat geltend zu machen. Bald jedoch könnte wieder physische Hilfe gefragt sein: Denn vor den Toren Kiews füllen sich die Flüchtlingslager für Menschen aus der Ostukraine. Und angesichts der Entspannung in der Hauptstadt mahnt Haska, was manche so nicht aussprechen wollen: „Wir sind im Krieg; es herrscht kein Frieden im eigenen Land.“

Dies bestätigt der tragische Tod von ausländischen Zivilisten beim Abschuss eines Passagierflugzeugs über der Ostukraine Ende vergangener Woche. Ralf Haska erfährt hiervon auf der Konferenz der Auslandspfarrer in Berlin – und reist kurzfristig in die Ukraine zurück. Er will den Angehörigen beistehen, die zu ihren Toten ins Krisengebiet eingeflogen werden. Für ihn steht fest: „Russland hat nichts, aber auch gar nichts unternommen, um den Krieg zu beenden. Immer weiter hat Putin Öl ins Feuer gegossen. Immer mehr Technik und Kämpfer hat er über die Grenze geschickt. Lasst uns um Vernunft und Frieden beten.“

Deutsche Evangelisch-Lutherische Gemeinde St. Katharina / Auslandspfarrstelle der EKD, 01024 Kiew, Lutherische Straße (wul. Ljuteranska) 22; http://www.katharina.kiev.ua. Spenden: Empfänger: Dt. Ev.-Luth. Gemeinde Kiew; IBAN: DE34 5206 0410 0005 1860 80; BIC: GENODEF1EK1, Evangelische Kreditgenossenschaft.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 30/2014.

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