Mythos Luther

Drei Jahre vor dem Gedenkjahr 2017 herrscht Uneinigkeit unter den Reformationsspezialisten

Von Tilman Asmus Fischer

„Luther ohne Luther-Bilder, das wäre eine Mumie – und die brauchen wir nicht.“ Mit diesen Worten wandte sich Dorothea Wendebourg am 17. Juni gegen das „Luther bashing“ in einigen deutschen Medien. Die Berliner Kirchenhistorikerin war Teilnehmerin eines „Spitzentreffens in Sachen Reformation“, bei dem in der Französischen Friedrichstadtkirche auf Einladung der Evangelischen Akademien zu Berlin und Sachsen-Anhalt über den rechten Umgang mit Luther-Bildern debattiert wurde.

Die Tagung setzte eine Diskussion fort, der die EKD schon im vergangenen Oktober unter dem Titel „Die Schatten der Reformation“ eine eigene Veranstaltung gewidmet hatte: Wie und was soll 2017 gefeiert werden angesichts der bisweilen ambivalenten Facetten dessen, was „Reformation“ genannt wird (Die Kirche 44/2013, Reformation ist nicht nur Luther)? Mit dem Münsteraner Kirchenhistoriker Albrecht Beutel und der EKD-Reformationsbeauftragten Margot Käßmann saßen zwei ausgewiesene Spezialisten auf dem Podium – neben Heinz Schilling. Der Luther-Biograf hatte zuletzt mit seiner Kritik am EKD-Papier „Rechtfertigung und Freiheit“ für Diskussionen gesorgt und damit auch dieser Tagung Brisanz gegeben.

Dass die Selbstvergewisserung über Inhalt und Botschaft des Jubiläums auch noch drei Jahre vor den Hauptfeierlichkeiten nicht abgeschlossen ist, das machten die Diskussionsbeiträge von Margot Käßmann deutlich: Die Kernaussage von der Reformation als anhaltender Lerngeschichte und der Herausforderungen zwischen- und innerkonfessioneller Aussöhnung wurden bereits im Oktober erörtert. Sie verbinden sich mit dem Versprechen, die „Weltausstellung der Reformation“ 2017 vielseitig zu gestalten.

Und so wurde wieder einmal eine Weitung des Blicks gefordert: Dorothea Wendebourg kritisierte, dass bisher lediglich ein „provinzsächsisches Ereignis“ gefeiert werde. Einbezogen werden müssten „Freikirchen und die nordamerikanische Szene“, soll doch die weltweite Wirkung der Reformation gewürdigt werden. Auch die Katholiken hätten noch „Hausaufgaben zu machen“, gab Heinz Schilling zu bedenken: Die Deutung der Geschichte als Kirchenspaltung sei zu ersetzen durch ein Erklärungsmodell als „Differenzierungsschub“ innerhalb des Christentums.

‘Differenzierung’ ist das Anliegen, das Heinz Schilling immer wieder, so auch in dieser Diskussion, mit Verve vertritt und fruchtbar einbringt: „Was hat es im 16. Jahrhundert an Bewegungen, Lehren gegeben?“ Diese Frage will er in den Fokus rücken: Was gab es an Reform(ation), das bis heute nicht überlebt hat? Zumindest nicht innerhalb der EKD, um auf Mennoniten und Freikirchen zu verweisen. Auch wäre da noch der „linke Flügel der Reformation“, etwa um Thomas Müntzer.

Eigentlich sollten an diesem Abend Martin Luther und sein Nachleben im Zentrum stehen. Und so wurde immer wieder in den Blick genommen, was wir uns heute noch von Luther aneignen können. Dabei vertrat Albrecht Beutel das Konzept einer „strukturellen Schülerschaft“. Gemeint ist das Bemühen heutiger Theologen um eine „eigene Theologie, gebildet an Luther“, also in kritischer Auseinandersetzung mit dessen Lehre und Gedanken.

So eröffnet sich zudem die Möglichkeit einer historischen Distanz zur Person Luther, die ein Kind seiner Zeit war. Dies schlägt sich in Luthers antijüdischen Äußerungen nieder, für die sich die heutige Generation in den Augen Beutels nicht mehr zu schämen habe. Hier hält Margot Käßmann dann doch lieber am Begriff der „Schuldgeschichte“ fest – in Differenz zu Heinz Schilling, der darauf verwies, dass die Vorstellung einer direkten Linie zwischen Luther und den Nationalsozialisten geprägt sei von der „Kriegspropaganda der Alliierten“.

Doch derlei Meinungsverschiedenheiten sollten nicht beunruhigen. Denn Heinz Schilling bekundete seine Freude an Kontroversen mit Kirchenvertretern, und auch für Margot Käßmann gilt im protestantischen Sinne: „Streit gehört dazu.“ Bis 2017 ist dafür noch reichlich Zeit.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung, Nr. 27, 6. Juli 2014.

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