Wissen, woher man kommt

Die Landesgeschichtliche Vereinigung für die Mark Brandenburg hat sich in 130 Jahren Heimatforschung Verdienste um die Kirchengeschichte erworben

Von Tilman Asmus Fischer

„Nur wer weiß, woher er kommt, weiß, wohin er geht.“ Recht abgedroschen ist dieser Ausspruch von Bundespräsident Theodor Heuss. Aber trotzdem trifft er noch heute die Motivation vieler Menschen, die sich – als Historiker oder sogenannte Laien – mit der Geschichte und Kultur ihrer Heimat befassen. In Vereinen organisierten sie sich vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Im Kontext von Nationalisierung und Industrialisierung wurden neue Identitäten gesucht, während sich das natürliche Umfeld radikal wandelte. Dabei gewann das Phänomen „Heimat“ eine neue, gesteigerte Bedeutung. Aus ihr heraus speist sich der Begriff des „Heimatforschers“, der gerne für die Regionalhistoriker verwendet wird.

Mit der Landesgeschichtlichen Vereinigung für die Mark Brandenburg begeht ein Kind jener Zeit in diesem Jahr seinen 130. Geburtstag. Geistiger Vater, später sogar Ehrenmitglied, war Theodor Fontane, der mit seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ die Idee gab, in Exkursionen die heimatliche Kulturlandschaft zu erkunden. Durch Erforschung und Vermittlung der Geschichte der Mark Brandenburg – also einer europäischen Region, die sich über die heutige Oder-Neiße-Grenze hinaus erstreckt – bewahrt sie das kulturelle Erbe der hier lebenden Menschen. Es ist zugleich die Heimat der hiesigen Landeskirche: Der wissenschaftliche Beitrag zur Kirchengeschichte sollte daher am runden Geburtstag nicht vergessen werden.

Seit 1885 lädt der Verein regelmäßig Interessierte zu Vortragsveranstaltungen ein. Sie fanden anfangs in wechselnden Lokalitäten statt und die Referenten erörterten zunächst gerade auch sehr allgemeine Fragen. So Wilhelm Pütz 1885 im Clublokal Restaurant Lingner: „Wie gebraucht man topographische Karten?“ Heute sind es bisweilen hochspezielle Themen, derer man sich annimmt, 2008 etwa mit einer eigenständigen Tagung unter dem Titel: „Templer und Johanniter in der Mark Brandenburg. Ritterordenskommenden an der Peripherie der Einflusssphären ihrer Orden“. Gemeinsam mit dem Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg wurde vergangenes Jahr innerhalb des Mitteilungsblattes sogar ein eigenes „Themenheft Dorfkirchen“ herausgegeben.

Diese Spezialisierung hängt zusammen mit der Entwicklung, die der Verein im 20. Jahrhundert nahm: Handelte es sich zunächst um einen Kreis landeskundlicher Enthusiasten, setzte zwischen den Weltkriegen eine Verwissenschaftlichung ein. Sie schlug sich in der Entscheidung nieder, ab 1950 ein eigenes Jahrbuch mit Fachbeiträgen herauszugeben – immer wieder auch zu Themen der Kirchengeschichte. „Heute verstehen wir uns als Mittler zwischen Wissenschaftlern und Interessierten. Zu beiderseitigem Nutzen“, sagt der Vorsitzende, Peter Bahl.

Neben den Veranstaltungen und Veröffentlichungen bietet die Vereinigung größere Bibliotheks- und Archivbestände. Zu den letztgenannten zählen über 100 Nachlässe. Unter ihnen etwa derjenige Curt Horns: Der Theologe war von 1947 bis zu seinem Tod 1960 Kunstbeauftragter der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg. Auch in der mehrere zehntausend Stücke umfassenden Bildsammlung ist die Kirche omnipräsent: „Schlösser und Kirchen waren die hervorstechenden Bauwerke in der Mark und damit beliebte Motive“, erklärt Peter Bahl. Präsent wird die Kirchengeschichte auch weiterhin in der Vereinsarbeit sein, versichert der Vorsitzende: „Wir arbeiten interdisziplinär und legen auf inhaltliche Breite Wert. So ist die Kirchengeschichte ebenso wie Archäologie oder Sozialgeschichte integraler Teil der Landesgeschichte.“

Das „Themenheft Dorfkirchen“ ist bei der Landesgeschichtlichen Vereinigung erhältlich. Weitere Informationen: http://www.geschichtebrandenburg.de; Kontakt: archiv@geschichte-brandenburg.de

Text erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung, Nr. 25, 22. Juni 2014.

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