Friedensstifterin oder Gewaltursache?

Ein aktuelles Gutachten macht deutlich: In Europa wirken Kirchen als Wahrer des Friedens – doch in Afrika wird die Religion zum Instrument der Gewalt

Von Tilman Asmus Fischer

Desillusionierend – dieses Prädikat trifft die Stellungnahme der fünf führenden deutschen Friedensforschungsinstitute in ihrem diesjährigen Friedensgutachten. Es wurde am 4. Juni auf einer Veranstaltung der Evangelischen Akademie zu Berlin präsentiert. Die Herausgeber, darunter die Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft in Heidelberg, werfen die Frage auf: „Europa – Friedensprojekt am Ende?“ Sie geben differenzierte, bisweilen in sich kontroverse, aber immer schonungslose Antworten. Die Stellungnahme setzt einen europapolitischen Schwerpunkt. Sie wird begleitet von einer Aufsatzsammlung, die das Thema vertieft und um benachbarte Problemfelder ergänzt: Religion in Gewaltkonflikten, Krieg in Zeiten des Cyberspace und aktuelle Brennpunkte von der Ukraine bis Pakistan.

Vor welchen Herausforderungen die Europäische Union steht, zeigt ihr mehrfaches Dilemma, das die Stellungnahme deutlich macht: Zum Fehlen einer praktikablen Ostpolitik kommen die engen rüstungspolitischen Beziehungen zu Russland der vergangenen Jahre. Dem Ziel einer europäischen Armee steht die mangelnde Einheit des Staatenbundes gegenüber. Zudem sehen die Autoren europäische Werte etwa durch den Umgang mit Flüchtlingen an der Mittelmeergrenze infrage gestellt. Doch üben sie sich nicht nur in billiger Kritik, sondern bieten auch konkrete Anregungen, etwa eine stärkere Einbindung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa bei Konfliktlösungen.

Einbezogen sehen will das Friedensgutachten auch religiöse Akteure: So existiere für den ukrainischen Friedensprozess mit der Konferenz Europäischer Kirchen „bereits eine etablierte Struktur“. Zudem sollten transnational agierende NGOs wie ‘Religionen für den Frieden’ aktiv werden und solche Bemühungen unterstützen.

Das Friedensgutachten atmet den Geist gesamtpolitischer Lösungsansätze, die sich nicht allein mit Mitteln militärischer Friedenssicherung begnügen. In diesem Sinne argumentierte auch die Anfang des Jahres erschienene Stellungnahme der EKD-Kammer für öffentliche Verantwortung zu „Aufgaben evangelischer Friedensethik“.

Dass Religionen jedoch nicht nur befriedend wirken können, zeigt ein Blick über Europas Grenzen nach Nigeria, das mit der doppelten Spaltung zwischen einem ölreichen, christlichen Süden und ressourcenarmen, muslimischen Norden belastet ist. Dieses Fallbeispiel stellte den Schwerpunkt der Präsentation in Berlin dar. Die islamistische Terrorgruppe Boko Haram sorgt bereits seit Jahren dafür, dass der afrikanische Staat immer wieder in die Schlagzeilen gerät: Zuletzt entführte die Bande über 200 Schulmädchen als gewaltsames Zeichen gegen „westliche“ Bildung.

Die beiden Autoren des Beitrags zu Nigeria im Friedensgutachten, Andreas Hasenclever und Jan Sändig, stellen die Frage: „Gewaltursache Religion?“ – Hasenclever antwortete darauf in der Evangelischen Akademie zu Berlin, Boko Haram führe „keinen Heiligen Krieg, sondern bleibt eigenwilliger Teil eines säkularen Ressourcenkampfes“ – Religion als Mantel und Instrument des Konflikts.

Klaus Pähler, langjähriger Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Nigeria, sieht in dem Aufsatz seine Lageanalyse bestätigt, gibt jedoch zu bedenken: „Mein Gefühl geht seit einiger Zeit mehr dahin, die religiöse Komponente für wichtiger zu halten.“

Für ihn geht auf dem Boden der ökonomischen Misere eine Saat auf: „Im Islam ist diese Saat automatisch religio-politisch.“ Die Gesellschafts- und Staatsordnung im Islam sei nicht von der Religion getrennt, erläuterte Klaus Pähler: Sie wecke bei den Terroristen die Hoffnung, „die gescheiterte säkulare Staatsordnung samt ihrer krassen Ungerechtigkeiten durch etwas Besseres ersetzen zu können“.

Selbst wenn die Religion nur Mantel eines Konflikts sei – „das macht es nicht besser“, betonte Prälat Martin Dutzmann in Berlin; und daher wird wohl weiterhin eine Diskussion über die Rolle von Religionen in gewaltsamen Konflikten zu führen sein. Denn, die christliche Kirche sei, so der Bevollmächtigte der EKD bei der Bundesregierung, nicht nur ein „global player“, sondern auch ein „global prayer“ – für den Frieden.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung, Nr. 24, 15. Juni 2014.

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