Auf ein Wort: Politisch relevant?

„Deutschland geht nicht ohne uns“, lautet das Motto des BdV zum Tag der Heimat 2014. Es regt an zu bedenken, welche Bedeutung die Vertriebenen heute für die bundesrepublikanische Politik und Gesellschaft haben. Der Anspruch einer systemrelevanten Stellung der Vertriebenen für Deutschland geht Hand in Hand mit der Vorstellung der Überparteilichkeit der organisierten Vertriebenen; doch entspricht dies der politischen Realität? Können sich die Vertriebenenverbände noch als politischer Faktor von gesamtdeutscher Bedeutung verstehen, wenn ihre Wirksamkeit in großen Teilen von der Gunst einer christdemokratischen Bundes- und einer christsozialen Landespartei abhängt?

Um Missverständnissen vorzubeugen: Die Treue, die die Union den Vertriebenen hält, ist anerkennenswert und nicht zu missen. Aber, so redlich die Bemühungen und Motive der einzelnen Vertriebenenpolitiker sind: Wenn egal welches Politikfeld unter die Hegemonie egal welcher Partei gerät, besteht langfristig das Risiko, dass das politische Ressort verwaltet statt gestaltet wird. Daher müssten die Vertriebenen – besonders auf der Bundesebene – ihr Spektrum an Partnern, zunächst mindestens Gesprächspartnern, im politischen und gesellschaftlichen Raum noch zielgerichteter ausbauen.

Eigentlich mangelt es nicht an neuen und neu zu entdeckenden Gesprächspartnern für die Vertriebenenpolitik. Warum aber können wir selbst mit alten Wegbegleitern wie der evangelischen Kirche nach außen hin kaum eine sichtbare Partnerschaft leben? Wie jede politische Problemlage hat auch diese eine Vielzahl an Dimensionen und Ursachen. Einer sollten wir uns jedoch selbstkritisch stellen: Es mangelt an Anlässen auf bundespolitischer Ebene, Dialog und Partnerschaft zu praktizieren, da sich der Dachverband der Vertriebenen eben auf der Bundesebene eher auf die Aufstellung politischer Forderungen und Repräsentation konzentriert. Ohne Zweifel müssen wir froh sein, dass es den Tag der Heimat, den BdV-Jahresempfang und den Deutschen Ostdienst [DOD] gibt. Jenseits der Spätaussiedlereingliederung und dem Engagement in den Stiftungen „Zentrum gegen Vertreibungen“ und „Flucht Vertreibung Versöhnung“ wären jedoch die konzeptionelle und konkrete Arbeit an aktuellen Fragen und Problemen auszubauen.

Es ist fraglich, wie lange dieses Defizit auf Landes- und Landsmannschaftsebene bzw. außerhalb derer kompensiert werden kann. Es wäre wünschenswert, wenn die dort gemachten Erfahrungen genutzt und in eine erweiterte politische Strategie des BdV auf Bundesebene umgesetzt würden. Das könnte die Gruppe der organisierten Vertriebenen zu dem zu machen, für das sie immer gehalten wurden und was sie heute eigentlich noch immer ist – ein relevanter gesellschaftlicher und politischer Akteur.

Tilman Asmus Fischer
Bundeskulturreferent der Landsmannschaft Westpreußen e.V.

Erschienen in: DER WESTPREUSSE – Unser Danzig 6/2014.

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