Archivgut gerettet – und dann?

Der Einsturz des Kölner Stadtachivs 2009 bedroht den Erhalt von Akten und Urkunden, die – auch kirchengeschichtlich – von größter Bedeutung sind. Vieles konnte gerettet werden; doch bleibt der Zugang zu einigen Quellen Historikern weiterhin verwehr, bedauert Professor Dr. Klaus Militzer im Interview.

Die Evangelische Kirche im Rheinland und das Erzbistum Köln beteiligen sich als Gründungsstifter der Stiftung Stadtgedächtnis und an der Rettung des 2009 beinahe vernichteten Archivguts. Welche Zeugnisse der Kirchengeschichte befinden sich unter den zu konservierenden Akten?

Zunächst ist zu bemerken, dass die Urkunden und Akten der Kölner Stifte und Klöster nach ihrer Säkularisation unter der preußischen Herrschaft nach Düsseldorf in das Landeshauptarchiv gelangt sind, da es sich um Bestände handelte, die dem Staat und nicht der Stadt Köln zugefallen waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind die Urkunden und Akten der Stifte und Klöster dem Stadtarchiv Köln oder, wie es korrekt heißt, dem „Historischen Archiv der Stadt Köln“ abgegeben worden und lagerten seitdem in diesem Archiv zunächst am Gereonskloster und seit der Einweihung des Archivs an der Severinstraße 1971. Hinzu kommen Urkunden und Akten der Stadt Köln, die sich auf Verhandlungen mit den Klöstern und Stiften beziehen.

Sie selbst sind aus beruflichen Gründen eng mit dem bedrohten Materialbestand vertraut, gerade auch aus dem Bereich der Kirchengeschichte…

… Bevor ich 2005 aus dem Dienst ausschied, war ich entpflichteter außerplanmäßiger Professor der Ruhr-Universität in Bochum. Zudem war ich Referent am Historischen Archiv der Stadt Köln und weiß daher genau, um welche Urkunden und Akten es sich gehandelt hat und welche Urkunden und Akten wo im ehemaligen zusammengestürzten Archivgebäude gelegen haben.

Was also geschah genau mit ‘ihren’ Akten, als das Magazingebäude am 3. März 2009 einstürzte?

Die Akten der Stifte und Klöster sind mit dem Magazingebäude zusammengestürzt, da sie sich dort im dritten oder vierten Stock befanden. Die entsprechenden Urkunden dagegen wurden unterhalb des Verwaltungstraktes in den Kellerräumen aufbewahrt und konnten alle gerettet werden. Sie waren aufgehängt und mit einer Klarsichtfolie geschützt, so dass der Leser auch mit dem Finger auf der Folio hin- und hergehen konnte. Das schützte die Vorlagen.

Stehen die Unterlagen nun wieder der Wissenschaft zur Verfügung?

An die Urkunden kommt man heute nicht mehr heran oder nur teilweise und unter großen Mühen, weil die neue Archivverwaltung den Zugang versperrt. Außerdem werden die Urkunden nun in speziell angefertigte Kartons eingebettet, so dass auch dadurch die Einsichtnahme erschwert wird.

Gibt es Gründe für diese gravierende Einschränkung der quellennahen Forschung?

Die Archivleitung argumentiert damit, dass Digitalisate die Originale der Forschung weitgehend ersetzen könnten. Warum diese Beschränkungen auch gegenüber ehemaligen Mitarbeitern des Archivs eingeführt worden sind, bleibt dunkel und unerklärt. Man versteckt sich hinter den Aussagen von Restauratoren oder Restauratorinnen.

Das Gespräch führte Tilman Asmus Fischer.

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